Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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153 sie keine Verhüllungen mehr bedeuten können, sondern nur noch Unterstreichungen. Und das Ungeheuerliche des Buches wird noch dadurch gesteigert, daß es buchstäblich einen Reigen vorführt, einen geschlossenen Kreis, in dem jeder Mitspieler zwei anderen die Hände reicht, sodaß eine Verbindung aller mit allen besteht. Und jeder Mitspieler ist als ein Typus, als Vertreter einer Menschengruppe gezeichnet, und alle Schichten sind gegenwärtig, vom käuflichen Straßenmädchen und rohen Burschen an bis zu den Herren und Damen der besten Gesellschaft, wobei übrigens die kultivierteren Leute zumeist sich um vieles gemeiner darstellen als die bloß animalischen Gestalten aus der Tiefe. Wie gesagt, es ist ein unerhört anstößiges und unanständiges Buch, es ist randvoll von Unmoral, und auch der wenigst Prüde wird es nicht allen Lesern und nun gar Leserinnen in die Hände legen. Und dennoch kann und kann ich mich nicht an den üblichen Schmähungen beteiligen; dennoch muß ich den „Reigen" für ein echtes und großes Kunstwerk erklären. Ich will absehen von der formalen Grazie, mit der hier das Hanebüchene umkleidet ist, von der Kunst der Typenschilderung, des meisterhaften Abstufens von Sprache und Dialekt bei den einzelnen Menschen und will mich allein mit der Sittlichkeit des umstrittenen Werkes befassen. Denn, ob dies nun modern oder unmodern sei, so vermag ich keine absolute Kunst anzuerkennen, die sich um Sittlichkeit nicht zu bekümmern habe, so kann ich nur die Schöpfung für eine wahrhaft künstlerische halten, die in chrem Kern ein Sittliches birgt. Man kann aber sehr sittlich empfinden, indem man das Unsittliche zeichnet, wie denn wohl kaum ein reinerer Mensch gefunden werden dürfte als Zola. Sehr ähnlich wie bei diesem Unsittenschilderer und doch wieder ganz anders verhält es sich nun bei dem Dichter des „Reigens". Zola verdammt, Schnitzler verspottet. Aber beide wirken sie (was man von dem so oft zum Vergleich mit Schnitzler herangezogenen Maupassant nicht sagen kann), zum mindesten auf reife Leser durchaus unlüstern; Zola ruft ihren Widerwillen,