Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 152 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3111067-3111094-3114753--3850-3114920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 Anbeginn auf völlige Aufrichtigkeit und freundliches Scheiden im gegebenen Augenblick geeinigt hat. Sein Zartgefühl allein hat ihn bis heute schwanken lassen. Und nun, beim Abschiedssouper, kommt ihm die so lange geschonte Tänzerin zuvor. Auch sie hegt seit einiger Zeit ein anderes Glück, auch sie hat — nur aus Zartgefühl natürlich — dem reichen Freunde ihre Verbindung mit einem armen Kollegen verborgen und spricht heute nur, weil sie den neuen Liebhaber nicht länger betrügen mag. Merkwürdig ist es, daß das andere Satyrspiel: „Anatols Hochzeitsmorgen" weniger heimisch auf den Bühnen wurde. Ich glaube, das liegt weniger an der größeren Gewagtheit des Themas, als an der Tragik, die hier durch alle Frivolität unausgesprochen und doch vernehmlich hindurchklingt. Denn Tragikomödien sind keine gute Theaterkost; das Publikum will lachen oder weinen, aber nicht in seinen Gefühlen verwirrt werden. Anatol soll zu seiner Trauung fahren, Frack und Brautbukett liegen bereit — und eine der früheren Freundinnen, der er gestern anheimfiel, läßt ihn nicht gehen. (Ihm war nach den Polterabend-Feierlichkeiten so kalt und angst und zukunftsbange geworden — „gewissermaßen schauerlich" —, daß er sich zur Redoute begab.) Anatol reißt sich schließlich doch los, und Freund Max beruhigt die empört Zurückbleibende damit, daß die Betrogene in diesem Falle doch offenbar die Braut und Gattin sei. Die Unmoral der Szene ist zum mindesten für den, der den ganzen Zyklus und also Anatols Charakter kennt, eine durchaus tragische; die Zerrissenheit des einsamen aber freien Anatol muß sich ins Peinvolle steigern, wenn er nun ohne Liebe in die Ehe tritt. Von diesem letzten Kapitel besonders dürfte der Weg zu einer späteren Szenenfolge, dem vielgeschmähten„Reigen" hinüberführen. Auch hier scheint mir die Tragik der Unmoral zu herrschen; ftellich steht hier auch neben dem Unmoralischen das unsäglich Unanständige. Der Dichter leitet zehn Dialoge auf geradlinigen Pfaden zu den Gipfelpunkten erotischer Erlebnisse; er sagt das Unsagbare und bedient sich der Gedankenstriche jedesmal erst dann, wenn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.