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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 150

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 150 (sequence 12)
Language
German
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150 plaudert. Die Beobachtung und Darstellung des Zerrissenen und Kranken erscheint dem Dichter ergiebiger und interessanter als die des Gesunden. Ein etwas schlaffer Zug, dem aber die später häufig zutage tretende leidenschaftliche und doch auch gelegentlich neidvolle Bewunderung der Starken und Gesunden die Wage hält. Einen besseren Trost für das zerrüttende Gewähren und Versagen der Welt- und Halbweltdamen als in der Selbstbespiegelung findet Anatol in schlichteren, gefühlsreicheren und einheitlicheren Verbindungen. Zwar das „süße Mädl" selber tritt in dieser Szenenfolge noch nicht auf, aber Anatol zeichnet es doch mehrmals mit sehnsüchtigen Worten. (Das Buch ist eben eine wirkliche Ouvertüre, eine Anregung also und Vorbereitung, ein skizzierendes Vorspiel und noch nicht das Werk selber.) Der koketten, vielleicht auch nur feigen Frau Gabriele in den „Weihnachtseinkäufen" entwirft Anatol ein schwärmerisches Bild der schlichten Vorstadtgeliebten, die ihn im einfachen Zimmer mit einem espritlosen: „Ich bin so froh, daß ich Dich wieder hab'I" empfangen wird, und im „Abschiedssouper", wo es sich für Anatol um eine Flucht und gewifsermaßen Erholungskur handelt, heißt es von dem süßen Mädl: „Sie erinnert mich so an einen getragenen Wiener Walzer — sentimentale Heiterkeit . . . lächelnde, schalkhafte Wehmut ... Es wird einem warm und zufrieden bei ihr." Man darf an ein Wiener Gretchen denken, aber man hüte sich in naheliegender Jdeenaffoziation im Anatol-Schnitzler ein Stück Faust oder Don Juan und Faust im Verein zu sehen. Denn diese beiden Männer werden doch von Gedanken und Trieb selber geleitet; bei Anatol aber herrscht immer das ungreifbar darüber Gelagerte, das Feinere und Weichere, die Stimmung. Wie er die Umgebung, wie er das Wesen des süßen Mädls beschreibt, das zeigt, daß es ihm weniger auf das Mädchen selber, weniger auf sein Liebesgefühl ankommt, als auf die bewußt genossene Friedensstimmung, auf — ein pretiöses Wort, an dem die Sache Schuld hat, nicht der Kritiker — das Gefühl des Gefühls- Das Kapitel „Episode" eines der geistreichsten

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