Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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149 Wieder als Spiel, als flüchtige Regung empfinden. Er will dem Mädchen die gleiche Freiheit zugestehen — und farm es doch nicht, weil sich sein Gefühl dagegen aufbäumt. Die Tragik dieses Zwiespalts tritt schärfer in dem Abschnitt „Denksteine" hervor. Schnitzler hat dieser Szene einen dramatischen Abschluß ermöglicht, indem er der Frau einen habgierigen Zug verlieh und Anatol schließlich durch Emiliens Geiz ernüchtert und abgestoßen werden ließ. Die eigentliche Tragik liegt aber auch hier in jener Zerrissenheit Anatols. Er kann die Vergangenheit der Geliebten nicht vergeffen, kann nicht darüber hinaus, obschon er solche Starrheit für ungerecht hält. Ein ähnliches Schwanken beherrscht das Kapitel „Agonie". Diesmal ist Anatols Gegenspielerin eine Dame der Gesellschaft, eine verheiratete Frau, nicht herzlos und gemein, über untief im Fühlen und Denken und so auch keiner tapferen Aufrichtigkeit und unbequemen Konsequenz fähig. Und Anatol, der mit skrupelloser Selbstverständlichkeit in die Ehe eines anderen eingegriffen hat, fühlt sich erniedrigt durch das widerwärtige Hin-und-her der Frau zwischen zwei Männern. Er schlägt ihr in einer leidenschaftlichen Stunde gemeinsame Flucht vor, und löst das Verhältnis doch nicht, als Else sich weigert. Er weiß nur, daß sie ihm von nun an verächtlich sein wird. Dabei hält ihn ein merkwürdiger Trost in seinem krankhaften Zustand aufrecht. Die eigeneZerrissenheitistihmbisweilendaseigentlichJnteressante an seinem Leben; wäre er einheitlich, so wäre er nicht mehr er selbst, so würde er bald gelangweilt sein. Max sagt ihm, den Ernst unter einem Scherz verbergend: „Sei stark, Anatol — werde gesund!" Und die Antwort heißt: „Du lachst ja selbst, während du's aussprichst! Es ist ja möglich, daß ich die Fähigkeit dazu hätte; — mir fehlt aber das weit Wichtigere — das Bedürfnis! — Ich fühle, wie viel mir verloren ginge, wenn ich mich eines schönen Tages „stark" fände. Es gibt so viele Krankheiten und nur eine Gesundheit! — Man muß immer genau so gesund wie die andern — man kann aber ganz anders krank sein wie jeder andere!" Hier ist Anatol so ganz mit Schnitzler identisch, daß er das Berufsgeheimnis des Dichters aus-