Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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148 alle und immer zum Beobachtungs-Objekt dienen. Die Frauen, die Anatol „liebt" vermeide ich zu sagen, obwohl in diesem Buch oft genug von Liebe die Rede ist. Aber nur eben die Rede. Schnitzler hat später selbst das schöne und schlichte Wort gefunden, lieben heiße für einen anderen dasein. Dieses hohe Glück wird dem immer von Frauen beglückten Anatol nie zu teil; fände er's, so wäre ja auch die Kette der Tragikomödien zu Ende, die eben die „Anatol"-Szenen bilden, das fruchtlose Glücksnchen eines Sehnsüchtigen, der sich nicht das Recht zugesteht, nicht die Kraft zutraut, sein im Grunde tragisches Erleben wirklich tragisch zu nehmen, und so zur geistreichen Betrachtung, zum spöttischen Scherz, zur romantischen Ironie flüchtet. Will man literarische Verwandschaften feststellen, so weist vom „Anatol" manches auf Heine zurück. Man könnte versucht sein im „Anatol" die bewußte Ouvertüre zur Gesamtheit der Schnitzlerschen Werke zu sehen; viele künftige Themen werden angeschlagen, nur das Todesmotiv findet noch keinen Ausdruck; denn der Dichter strebt ja den Grundton der Heiterkeit an. Doch schon die erste Szene, „Die Frage an das Schicksal" zeigt, wie bereits sein großes Thema von Traum und Wachen, von der Unsicherheit des Realen in Schnitzler wühlt. Anatol glaubt nicht mehr an die Treue seiner Geliebten. Er wird sie hypnotisieren und der Schlafenden die Wahrheit abzwingen. Noch wendet sich die Sache ins Spielerische: Anatol weckt sein Medium auf, ohne ihm die entscheidende Frage vorgelegt zu haben. Cora hat auf sein „Liebst Du mich?"' mit „Ja" geantwortet, worüber sie nachher ein wenig erstaunt ist; darauf erläßt ihr Anatol nach mehrfachen vergeblichen Ansätzen die Frage, ob sie ihm treu sei. Zwei gleich starke Bedenken stemmten sich ihm entgegen. Er mag sich von der Illusion ihrer Treue nicht trennen, obwohl er doch unter seinem Zweifel schwer leidet, und weiter: er fühlt keine Berechtigung zu seiner Frage: Er will der Frau das gleiche Recht zugestehen, das er für sich beansprucht. Auch er hat häufig geliebt, auch ihm war gestern ein Spiel, was ihm heute als Ernst erscheint, auch er wird den Ernst von heute schon morgen