Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Arthur Schnitzler
Date
1911-01-01
Page
Seite 146 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111094-3114753--3844-3114914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

146 Dichters hätte angeben können. Das war mir unmöglich. Denn fragt man Arthur Schnitzler, den untersetzten Mann mit dem bürgerlich korrekten rötlichen; Scheitel, dem bürgerlich korrekten Vollbart, der vollkommen bürgerlichen, weder allzu eleganten, noch salopp künstlerischen Kleidung, nach seinem Lebenslauf, so antwortet der eben noch liebenswürdig Gesprächige unfehlbar: „Ich bin in Wien am 15. Mai 1862 geboren, ich bin Arzt geworden und habe meinen Beruf viele Jahre ausgeübt, behandle auch jetzt noch gelegentlich im Freundeskreis — und wann ich sterben werde, weiß ich nicht". Das ist wohl ganz der gleiche Mensch, der das „Einfach" als Schauspieler-Anweisung liebt, dem großes, einheitliches Erleben zumeist versagt ist, und der ihm, wo es ihn doch einmal beglückt, mit grübelndem Mißtrauen gegenübersteht. Und auch ein zweiter bequemer Weg zur Ausblickhöhe war mir verschlossen. Msweilen kann der Literarhistoriker in der Einleitung rasch Werk auf Werk seines Autors Übereinanderschichten; er findet in jedem ein wesentliches Thema anzuschlagen und kann so die Entwicklung und die Grenzen des Gesamtschasfens klar und organisch darstellen. Eine derartige Entwicklung, ein solches Nacheinander der Themen ist bei Schnitzler nicht zu finden. Man kann die meisten seiner Werke mit vielzimmrigen Häusern vergleichen, in denen der Besitzer sein ganzes Wesen treibt. Gewiß hat er in dem einen Bau das Studierzimmer, im andern das Schlafgemach besonders berücksichtigt, einen dritten als Krankenhaus aufgeführt, usw. — aber überall ist doch immer für den ganzen Schnitzler Platz. In seine Wachen Geschichten und Dramen spielt der Traum hinein, in seine Traumfernen das wache Heute; wenn der Arzt spricht, schweigt der Jude nicht, wenn der Jude zu ätzend wird, mildert der Wiener; und so treibt eben der ganze Schnitzler überall sein Spiel. So mußte ich denn den Weg zum Ausblick durch das Gestrüpp absoluter Analysen nehmen. * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.