Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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145 stadt sei durch die Geschichte des Landes eine leise italienische Strömung geraten, Wohl auch eine orientalische Duftwelle geflossen. Eine gewisse Milde und Beruhigung, die freilich auch einmal an Schlaffheit zu streifen vermag, eine gewisse kindliche um kein Vorher und Nachher bekümmerte Genußfähigkeit dem Augenblick gegenüber scheint dem Wiener Wesen anzuhaften und vielleicht in jener atmosphärischen Mischung begründet zu sein. Führt die Weichheit des Empfindens dazu, daß dem Lacher die Tränen nie allzu fern sind, so dämpft sie doch auch große Schmerzen und glättet qualverzerrte Mienen zu traurig lächelnden. Und auch eine feinere,freilich verschwimmendere Art in der Aneignung von Lust und Schmerz dürfte ebenso zu erklärende Wiener Eigenart sein (wobei ich allerdings niemals auf die konjunktivisch tastende Ausdruckssorm verzichte, da kein psychologisches Gebiet unsicherer ist als das. in diesem Abschnitt betretene): der Genießende und Leidende ist nicht bloß und nicht einmal in erster Linie mit dem Unmittelbaren, sozusagen mit dem Körperlichen seiner Schmerzen und Freuden beschäftigt, ein kaum greifbar darüber Schwebendes, ein Hauch, eine Farbe, nehmen ihn fast mehr in Anspruch — die Stimmung der Dinge beeinflußt ihn beinahe stärker als die Dinge selber. Stimmung, ein Hauptingredienz der neueren österreichischen Dichter, ein Verschwimmendes und so selber kaum scharf zu Umgrenzendes, der Empfindungshauch etwa, der, feineren Organen kenntlich, über den groben Ereigniffen und Zuständen, Trieben und Gedanken schwebt — Stimmung verschönt und verschleiert, sänstigt und — entnervt gelegentlich die Schnitzlerschen Werke.- Wer eine Stadt besichtigen will, tut immer gut, vorerst einen angrenzenden Hügel zu ersteigen, und von der Höhe einen Ueberblick des Gesamtbildes zu gewinnen. Um ganz ähnliches war es mir in diesen Eingangsseiten meiner Studie zu tun. Einen bequemen Weg allerdings habe ich den Leser nicht zu führen vermocht. Bequemer, natürlicher wäre es gewesen, wenn ich eine biographische Skizze voranschicken und bei jedem Entwicklungspunkt die daraus resultierenden Gedanken und Stoffe des 10