Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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144 für den Menschen entschlossene Einseitigkeit fordert. Und die fehlt Arthur Schnitzler eben gänzlich. Man merkt den gleichen Mangel in fast noch stärkerem Maße, wenn sich Schnitzler einem umfassenderen Thema als dem von der Freiheit des Künstlers zuwendet. Die Lebenssehnsucht, die er selber so quälend empfindet, gesteht er jedem anderen Menschen zu, und die eine Hälfte der Menschheit besonders, die weibliche, scheint ihm mit allzu starken Fesseln belastet. Da kann er sich nur bisweilen als stürmischer Kettenloser fühlen, um gleich darauf, durch jenes Rundherum-Betrachten gezwungen, der Engste aller Engherzigen zu sein. Ich meine, er Predigt oft in vollen Tönen — soweit ihm der volle, ungedämpfte Ton überhaupt möglich ist — das Recht der freien Persönlichkeit, des freien Lebensgenusses, er durchhaut mit der ganzen Säbelschärfe jüdischen Denkens manche Ketten, die Jahrtausende gehalten haben, als Blutverwandtschaft und Ehe. Und danach wird ihm in seiner Objektivität klar, daß Ketten, die im Gefühl begründet sind, von der Schneide des Gedankens doch eigentlich gar nicht gespalten werden, oder höchstens rasch heilende Hydrawunden erhalten können. Aus diesem Grunde macht der jugendliche Tendenzdichter Schnitzler einen so rührend tragikomischen Eindruck. Er will immerfort die Berechtigung einer Sache beweisen und kann nicht anders, als gleichzeitig den Beweis für die Berechtigung des feindseligen Gegenteils erbringen. Reine dramatische Wirkungen erzielte Schnitzler erst dann, als er von allen zu beweisenden Thesen absah und sich an der Schilderung von Menschen genügen ließ, deren Tragik eben darin besteht, daß sie eigentlich alle gleichzeitig Recht und Unrecht haben. Ein düsteres Charakterblld, eine traurige Themenliste wurden bisher skizziert. Wenn dennoch ein mlld heiterer Schein in sein Wesen fällt und so auch zumeist — nicht versöhnend, aber lindernd — um seine Werke spielt, so mag das der grübelnde Arzt und Jude dem Umstand verdanken, daß er ein Wiener ist. Man sagt, in die süddeutsch heitere Atmosphäre der österreichischen Haupt-