Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114753--3841-3114911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
143 fach" oder „nicht pathetisch" zu finden sind. Er ringt schmerzhaft nach der Unmittelbarkeit des Empfindens, und bringt sie doch niemals subjektiv, nur manchmal in der Objektivierung des Dramatischen zum Ausdruck. Wo das aber geschieht, wie etwa im „Schleier der Beatrice", da ist doch Schnitzlers ganzes Herz und ganze Kunst weniger bei dem ihm fremden einheitlichen Tatmenschen, als bei dem zerrissenen Grübler und schwankenden Beobachter, der am krampfigen Erfassen des Lebens zu Grunde geht. Schnitzlers ganze dramatische Eigenart, ihre Stärke und Schwäche liegt in diesem Rundherum, dieser Totalität des Betrachtens, in dieser seiner Unfähigkeit Partei zu ergreifen. Dadurch werden seine Gestalten so lebenswahr, darunter leidet aber auch gelegentlich die Wucht des dramatischen Zusammenpralls. Wenn nun ein vom ewigen Todesgedanken Bedrängter durch so starke Hemmungen wie der erwähnten am wirklichen Lebensgenuß gehindert wird — warum schlägt er dann nicht doch den anderen möglichen Weg ein, den des Entsagens? Die Antwort für diesen Fall wurde schon einmal gegeben: weil Arthur Schnitzler ein Dichter ist. Der schaffende Künstler kann nicht entsagen; er muß das Leben auskosten, nicht um des Genusses willen, sondern weil ihm die bunte Fülle des Lebens Stoff ist für sein künstlerisches Schaffen. Es handelt sich da für ihn um Pflicht und Arbeit, und der Gedanke, daß sein Werk manchen anderen Menschen hohe Stunden bereiten wird, muß ihm die Kraft und auch die Berechtigung zum Genuß verleihen. Aber wirklich auch die Berechtigung? Darf der Künstler ein freieres, skrupelloseres Leben führen, als andere Menschen, weil er die Allgemeinheit beglückende Früchte daraus gewinnt? Heiligt in diesem Fall der Zweck das Mittel, untersteht der Künstler nicht den für die übrige Menschheit gültigen Sittengesetzen? Es ist eine Frage, die bei Schnitzler immer wiederkehrt und niemals entschieden wird. Natürlich nicht, sowenig von diesem Dichter irgend eine andere Frage zur Entscheidung gebracht werden kann. Entscheiden heißt Recht und Unrecht geben, also etwas, das