Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Seite sieht, die also ungebrochen lieben und hassen kann. Das aber vermag Arthur Schnitzler nicht. Er ist ein Jude und besitzt in hohem Maße die bedeutendste und qualvollste Geisteseigenschaft der Juden, das grübelnde Bohren, das Zerlegen, das Von-allen-Seiten-Betrachten der Dinge. Wie oft wird dem Juden ein Mangel an Begeisterungsfähigkeit vorgeworfen, und — wenn man von den Gebieten der reinen Idee und des Religiösen absieht — wohl nicht zu Unrecht. Eine Sache mag noch so begeisterungswürdig sein, so wird sie doch ihre schwache Seite haben. Und diese bietet sich dem jüdischen Blick mit Gewißheit dar, worauf es denn ganz gewiß um die Kraft und — den Genuß der Begeisterung geschehen ist. Antisemiten Pflegen von den Juden zu behaupten, sie seien schlechte Soldaten. Das ist gewiß tausendmal eine Unwahrheit, denn der jüdische Soldat tut oft genug doppelt und dreifach seine Pflicht, weil er sich von Zweifeln umringt sieht, und weil er neben der persönlichen Ehre die Stammesehre zu vertreten hat. Und das ist in einem tieferen Sinne ganz bestimmt wahr; denn der jüdische Soldat wird niemals das Gewehr heben, ohne sich zu sagen: Der drüben aus dich zielt, der „Feind" ist genau so im Recht, wie du es bist. Aehnlich geht es immer bei Arthur Schnitzler zu. Er vermag keinen Gegner zu zeichnen, ohne dessen Berechtigung, keinen Freund ohne dessen Unrecht zu sehen. Und mehr, und schmerzhafter; er muß bei jeder Handlung Recht und Unrecht, Freund und Feind, eine Zweiheit eben im eigenen Wesen empfinden. Er sehnt sich unendlich nach schlichter Einheitlichkeit des Empfindens und Handelns; und wenn ihm in hohen Augenblick dieses große Glück eines einheitlichen Fühlens widerfährt — ein Glück, ob es sich nun um Freude oder Schmerz handle! — so zweifelt er an sich selber. So oft (in seinen Gegenwartsstücken zum mindesten) ein Mensch leidenschaftliche Gefühle in heiße Worte faßt, so steht auch, immer eine dämpfende Anmerkung für den Schauspieler dabei: Man achte nur darauf, wie häufig in Schnitzlers Dramen parenthetische Anweisungen wie „ein-