Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Arthur Schnitzler
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Die immer gegenwärtige Gewißheit des Endes und die völlige Ungewißheit des dahinter Befindlichen drängen zum leidenschaftlicheren Umfassen des einzig sicheren Besitzes, des Lebens. Denn wer sich immerfort des Todes bewußt ist, ohne die Gewißheit eines besseren Jenseits zu empfinden, kann unmöglich ein laues Leben führen; je nach der Veranlagung seines Wesens, muß er zu vollem Entsagen oder wildem Genießen gelangen. Der Dichter Schnitzler kehrt sich dem farbig bewegten Genuß zu — und sieht sich doppelt darin gehemmt. Einmal ist ihm auch am Leben, am eigenen Selbst allzu wenig sicherer Besitz, der Arzt und Seelenforscher hat auch an dem zweifeln gelernt, was einfachere Naturen für sicher hinnehmen, er stößt auch da auf Rätsel, nicht minder undurchdringliche, nicht minder herzbeklemmende, als sie der Tod aufgibt, wo ein schlichter Mensch Selbstverständlichkeiten sieht. Ihn beunruhigen die Seltsamkeiten der Hypnose, die einem Menschen zu einer ganz anderen Persönlichkeit machen kann. Und noch merkwürdiger vielleicht als solch hypnotischer Traum erscheint ihm das Träumen in natürlichem Schlaf. Da werden oft Schicksale durchlebt, die dem Wachen durchaus fremd sind, da werden Wünsche rege, die der Wache niemals empfunden hat. Oder doch vielleicht empfunden, nur sich verheimlicht hat? Und wenn dem so ist — welches ist dann seine wahre Natur, sein wahres Leben, das wache oder das geträumte? Und wo ist die Grenze zwischen Traum und Wachen, und welche Weltlenkung schafft solche Wirrnis, und welch ein seiner selbst ungewisser Spielball in fremder Hand ist der Einzelne? Wo solche Zweifel herrschen, gibt es kein sicheres Erfassen der Wirklichkeit, und widerum ohne festes Zupacken gibt es kein starkes Genießen. Und noch ein zweites stellt sich zwischen den Genuß- Ersehnenden und den Genuß selber. Zum wirklichen Genießen ist ein naiv einseitiges Wesen nöllg, eine Natur, die nicht ängstlich nach dem Recht des anderen fragt, die die Dinge nicht rund herum, sondern von nur einer