Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Staat, Kirche und Judentum in Preußen
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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— 110 — gesetz nicht ausgeschlossen und der Gesetzgebung der Einzelstaaten nach wie vor freigegeben. Letztere haben von dieser Möglichkeit vielfach Gebrauch gemacht, indem sie die verschiedenen Religionsgemeinschaften in verschiedener Stellung belassen haben. Das gilt auch für Preußen und insbesondere in Bezug auf das Verhältnis von Staat und Kirche auf der einen, Staat und Judentum auf der anderen Seite. Diefe Frage, die Stellung des Judentums im Gegensatz zu der Stellung des einzelnen Juden, ist zunächst eine Frage der jüdischen G emeinsch aft. Darüber hinaus ist sie aber auch eine Frage des Einzelnen. Denn wenn so vielfach die verfassungsmäßig gewährleistete bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden nicht zur Wirklichkeit geworden, sondern Staatsbürger zurückgesetzt werden, lediglich weil und solange sie zum Judentum sich bekennen, so wirkt nicht in: letzten Grunde hier die Bewertung des Judentums mit. Solange das Judentum, die Mutter der anderen Bekenntnisse, das Aschenbrödel unter den Religionen im Staate ist und als ein den christlichen Religionsbekenntnissen ebenbürtiger Kulturfaktor nicht anerkannt wird, solange wird auch die Zugehörigkeit zum Judentum im Einzelfalle als ein Mangel angesehen und entsprechend behandelt werden. Die Emanzipation des Juden wird erst dann zur Tatsache werden, wenn auch das Judentum emanzipiert und als ein völlig gleichwertiger Faktor neben den christlichen Bekenntnissen angesehen sein wird. Schon diese kurzen Bemerkungen zeigen, von welcher Bedeutung für die Gesamtverhältnisse der preußischen Juden die Frage der Stellung des Staates zunr Judentum im Vergleich mit der Stellung der christlichen Kirchen ist. Trotz dieser Bedeutung der Frage herrscht über ihre Rechtslage vielfach Unklarheit und Unkenntnis auch in solchen Kreisen, die sich politisch mit ihr befassen. Es soll deshalb im Folgenden der Versuch gemacht werden, eine Darstellung derselben zu bieten, rein sachlich, auf streng