Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1911-01-01 · 14 (1911) · p. Seite 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
14 (1911)
Article
Ludwig Philippson
Date
1911-01-01
Page
Seite 104 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111094-3114751--3800-3114872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

104 Vom 3. Juli 1869, das in formellster Weise die volle staatsbürgerliche Gleichheit aller Religionsbekenntnisse aussprach. Während der folgenden zehn Jahre gelangten tatsächlich die Juden Deutschlands zu der Mehrzahl der Gerichts-, Lehr- und Verwaltungsämter — allerdings nicht der militärischen — bis unglücklicherweise die antisemitische Bewegung einen starken und dauernden Rückschlag herbeiführte. Ist es nötig noch zu sagen, daß Philippson auch in seinem Alter sich trotz seiner großen physischen Schwäche noch an dem Kampfe gegen den Antisemitismus beteiligte, mit aller Kraft seines unbezähmbaren Mutes und mit aller Wucht seines jung und lebendig gebliebenen Geistes? Freilich verhinderten ihn sein angeborener Optimismus, sein Vertrauen in die Güte der Menschennatur daran, alle Gefahren und verderblichen Folgen dieser schimpflichen Reaktion vorauszusehen. Das Alter hatte in Philippson weder den Charakter noch die Intelligenz geschwächt oder auch nur beschränkt. Im Gegenteil, indem er allmählich die Zornmütigkeit und leichte Erregbarkeit zügelte, die das natürliche Gegengewicht gegen seine Hochherzigkeit gebildet hatten, gelangte er zu der unveränderlichen Sanftmut, der ursprünglichen und allseitigen Güte, der klaren und beständigen Heiterkeit des wahren Weisen. Niemand von allen, die ihm in den letzten Jahren seines Lebens näher getreten sind, hat sich dem Zauber dieses abgeklärten und in sich glücklichen Alters entziehen können. Sein Mitgefühl und seine Tätigkeit beschränkten sich nicht auf Deutschland, wie dies bei Rießer der Fall war. Man fand ihn stets auf der Bresche, wenn es sich darum handelte, sei es seine Glaubensgenossen gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen, sei es ihnen zu intellektuellem oder politischem Fortschritt zu verhelfen. Er hat an der Organisation der ungarischen Israeliten gearbeitet. Er hat mit Eifer an den Plänen Uwarows mitgewirkt, des russischen Unterrichtsministers, der die Millionen von Juden, die das weite Reich des Zaren Nikolaus I. bewohnten, von innen heraus zu regenerieren bestrebt war — Plänen, die dann unglücklicherweise an der mehr und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.