Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 12)
- Language
- German
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95 Neben Salomon, Kley und Mannheimer gehörte er zu den hervorragendsten Kanzelrednern der alten Generation. Hoheit der Gedanken, begeisterte Liebe zur Religion, Klarheit in der Anordnung, tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens, eine lebendige und doch gehobene und sorgfältige Sprache, mit allem dem eine warme und wohltönende Stimme sicherten seiner Beredtsamkeit tiefe und dauernde Wirkung. Und zwar umsomehr, als er überall, wenn auch unter stets verschiedener Form, die Idee hervorhob, deren Ausbreitung ihm als die hauptsächlichste Aufgabe des israelitischen Predigers erschien: die große universelle Sendung des Judentums, das ihm der erhabenste Ausdruck des religiösen Trachtens der Menschheit war. Die göttliche Offenbarung an Israel, die Geschichte des jüdischen Volkes, die Worte der heiligen Schrift und die Aussprüche der Gesetzeslehrer, endlich die Verteidigung unserer Religion gegen Zweifel und Gleichgültigkeit im Innern, sowie gegen die Angriffe von außen: das sind die Punkte, die nach seiner Meinung den Gegenstand der israelitischen Predigt bilden sollen. Man solle nicht die christliche Kanzelberedsamkeit nachahmen, auch nicht die Predigt zu einer bloßen moralischen oder philosophischen Abhandlung abschwächen, sondern stets den besonderen israelitischen Charakter der Gedanken, die man entwickelt, betonen, seinen Worten immer eine israelitische Färbung geben. So dachte und handelte er als Prediger. Auch da verfuhr er nach wohl überlegten und selbständigen Grundsätzen, in Uebereinstimmung mit seinem starken und mutigen Wesen, unter dem Antriebe seiner aufrichtigen Liebe zum Judentum. Er hat viele seiner Reden, sei es einzeln, sei es in Büchern vereinigt, drucken lassen und ist so das Vorbild und der Gehilfe vieler Rabbiner und eifriger Lehrer geworden. Da nun bei ihm auf die Inspiration immer die Ueberlegung folgte, so verfaßte er auch ein Werk über die Theorie der jüdischen Homiletik, das einer seiner Schwiegersöhne, M. Kayserling, nach dem Tode des Autors herausgegeben hat.