Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114751--3790-3114862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
94 Scheu zu weit getrieben und nch zu sehr den Nachweisungen der Kritik entzogen. Allein in diesen an sich so zarten Dingen ist es besser, zu viele als zu geringe Achtung zu erweisen. Die tollkühnen, oft überaus willkürlichen Voraussetzungen der modernen Bibelkritik sind überdies in den letzten Zeiten ja durch eine kühlere, methodischere und wissenschaftlichere Betrachtungsweise sowie durch die Entdeckungen von ägyptischen, babylonischen und assyrischen Denkmälern recht sehr erschüttert worden, die zum großen Teile in bemerkenswerter Weise die besonderen Anschauungen und die historischen Angaben und damit die Authentizität der das Alte Testament zusammenstellenden Bücher bestätigen. Die Philippsonsche Bibelübersetzung, deren Wert durch verschiedene aufeinander folgende Auflagen — und zwar trotz ihres sehr hohen Preises — bezeugt wurde, diente auch zum deutschen Texte der berühmten von Gustav Dorä illustrierten Vibelausgabe sowie zur Veröffentlichung der heiligen Schrift zu billigem Preise Lurch eine Israelitische Bibelanstalt, die Philippson mit einigen Freunden begründete, und die jene in vielen tausenden von Exemplaren in den jüdischen Familien verbreitete, aus denen ne auf diese Weise die tendenziös gefälschten Uebertragungen der christlichen Missionare vertrieb. Ludwig Philippson war also nicht nur Theologe und Denker; nein, er war auch ein eminent praktischer Geist, der stets bereit war, die Ergebnisse seines Nachdenkens und seiner Studien für das reale Leben nutzbar zu machen. Getreu seinem Vorsatze einer allmählichen und historischen Regeneration, schuf er, kaum in die Predigerlaufbahn eingetreten, zwei große Werke: als erster Jude in Preußen richtete er eine regelmäßige Predigt ein und als erster Jude in ganz Norddeutschland begründete er eine besondere israelitische Religionsschule, für die er auch die nötigen Lehrbücher verfaßte und herausgab. Und dieser junge Reformator zählte immerhin erst 22 Jahre!