Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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93 fassung, die mit praktischem Sinn vereinte theoretische Einsicht, die Feinheit des Stiles, die dieses Buch auszeichnen, nicht hinreichend von einem Publikum geschätzt, das in einer Epoche allgemeinen Unglaubens — es war im Jahre 1869 — begonnen hatte, sich mißtrauisch von allem abzuwenden, was religiösen Charakter zu tragen schien. Die Grundlage für die Lehre des Judentums und die Wurzel seines ganzen mehrtausendjährigen Daseins, die Bibel, war seit geraumer Zeit der Mehrzahl der Juden fast unbekannt geworden. Je mehr sich die Vertrautheit mit der hebräischen Sprache unter ihnen verlor, je fremder wurden ihnen die heiligen Bücher, die erhabenste Schöpfung ihres Stammes und die Quelle seines religiösen Geistes. Ihn wieder zu beleben, faßte Ludwig Philippson, als ein junger Mann von 21 Jahren, den mutigen Beschluß, sich einem für die Judenheit ganz neuen Unternehmen zu widmen: einer Uebertragung der Bibel ins Deutsche, begründet aus die alten wie die neueren und neuesten Forschungen, begleitet von einem vollständigen und alle Einzelheiten umfassenden deutschen Kommentar, mit Abbildungen geschmückt, alles wohl hergestellt, schön ausgestattet, ästhetisches Behagen gewährend. Diese ungeheure Arbeit, die um so erstaunlicher war, als sie neben zahllosen anderweiten Beschäftigungen herlief, nahm den Verfasser achtzehn Jahre seines Lebens in Anspruch und wurde erst 1854 abgeschlossen. Die Aufgabe, die er sich dabei stellte, war in den eigentlichen, tiefen Sinn des heiligen Wortes einzudringen, überall den einheitlichen und in sich harmonischen Charakter der Schrift zur Anschauung zu bringen, die Bibel durch die Bibel selbst zu erklären. Ohne die moderne Kritik grundsätzlich zu verwerfen, sondern unter Zustimmung zu einigen ihrer am meisten gesicherten Ergebnisse, blieb er doch ihr gegenüber sehr skeptisch und durchaus konservativ in seinem Urteile über die biblischen Bücher im ganzen wie im einzelnen. Es war das eine Folge seiner begeisterten undr verehrungsvollen Liebe zu diesen uralten Grundlagen unseres Glaubens. Vielleicht hat er die liebevolle