Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 9)
- Language
- German
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92 gionen eingedrungen ist, die so nahe mit einander verwandt und doch so gegensätzlich sind; und daß er die Leitidee des Judentums sehr hochstellte als eine nicht, wie die des Christentums, individuelle sondern allgemeine, weltumfassende. Er hat seine Anschauungen über den jüdischen Glauben in induktiver Methode, durch Vereinigung von Philosophie und Geschichte, in einem seiner wichtigsten Werke systematisch dargestellt: der dreibändigen „Israelitischen Religionslehre." Immer wieder kommt er darauf zurück, in seinen Schriften und einzelnen Artikeln, diese Religionslehre nach allen Seiten hin zu betrachten, nachzuweisen, daß sie sich mit den edelsten und höchsten Bestrebungen vereinigen läßt, daß sie eine Antwort hat nicht nur auf die religiösen sondern auch auf die politischen und sozialen Fragen. Er war davon durchdrungen, daß keine andere Religion so viel praktisches Mitleid und Güte besitzt, keine andere demokratischer ist im besten Sinne dieses Wortes. Diese Wahrheit verkündete er in Vorträgen und Büchern, besonders in den: Werke: „Die Entwickelung der religiösen Idee im Judentume, Christentume und Islam", das in alle zivilisierten Sprachen übertragen wurde. Die llebersetzer hatten verstanden, daß man den Juden und besonders den Jüdinnen lehren müßte, was ihnen zumeist imbekannt war: nämlich die Daseinsberechtigung und Daseinsnotwendigkeit des Judentums. Aber das Buch brachte auch auf Christen einen tiefen Eindruck hervor. Der soziale und politische Charakter des Judentums wurde von Philippson vor einem christlichen Publikum in den Vorlesungen über die „Religion der Gesellschaft" dargestellt, in denen Philippson vor nunmehr siebzig Jahren den kostenlosen Unterricht auf allen Stufen, sowie die soziale Befreiung der arbeitenden Klassen vorschlug und verfocht. Die umfassenden politischen Ideen des israelitischen Denkers fanden dann ein Vierteljahrhundert später eine tiefere und gründlichere Entwickelung in einem Buche seines reifsten Alters, den „Weltbewegenden Fragen". Leider wurden die Originalität und edle Auf-