Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 8)
- Language
- German
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91 folgendes. Er glaubte die Israeliten dazu bestimmt, durch den langen Lauf der Jahrhunderte die Idee vom einig einzigen Gotte und die erhabenste Sittenlehre zu vertreten. Einen Teil ihrer universellen Aufgabe hatte die jüdifche Gemeinschaft schon erfüllt, indem sie ihre mächtigen Töchterreligionen, die christliche und die mohammedanische hervorbrachte. Aber sie wird ihr Ziel erst vollständig erreicht haben und die Religion wird erst auf ihrem Höhepunkt angelangt sein, wenn ihre Glaubens- und Sittenlehre die ganze Menschheit erfaßt haben wird. In dieser idealen und großartigen Weise faßte er die Geschichte der israelitischen Religion auf, und so verstand er das Messiastum. Bei seinem Auftreten waren das neue und originelle Gedanken, und erst nachträglich haben seine eigenen Schriften dazu gedient, seine Anschauungen unter seinen Glaubensgenossen zu verbreiten, so daß sie dort allgemein und gewöhnlich, gleichsam ein instinktiver Teil des Glaubensbekenntnisses geworden sind. Diese Auffassung erfüllte ihn mit Begeisterung für das Judentum; er wünschte es groß, schön, rein und heilig zu sehen, damit es würdig werde, der große Lehrer, der ideale Apostel der Völker zu werden, erkoren zu der schwierigsten, aber auch erhabensten Aufgabe. Das Messiastum schien ihm so wichtig, daß er in ihm den Hauptunterschied zwischen Christentum und Judentum erblickte. „Das eine" sagt er, „glaubt die messianischen Ideen schon verwirklicht, das andere meint, daß ihre Verwirklichung noch der Zukunft angehört. Das Christentum sieht in diesem Begriffe die Verzeihung der Sünden, die Erlösung des in Sünde geborenen Menschen durch den Tod des Messias und durch den Glauben an diesen. Das Judentum aber begreift ihn als die zuÜrnftige Anerkennung und Anbetung des einzigen und unkörperlichen Gottes, des Schöpfers der Welt, durch alle Völker der Erde, sowie als die Erlösung der Menschheit von jedem Irrtum, jeder Ungerechtigkeit und jedem Streite zur Einsicht in Gott, zum Recht und zmn Frieden". Eine solche Auffassung beweist widerspruchslos, daß Philippson tief in das eigenste Wesen der beiden Reli-