Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 7)
- Language
- German
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90 seiner langen Laufbahn als Theologe und Schriftsteller: unveränderlich erhalten hat. Indern er, auf religiösem wie auf politischem Gebiete, die geschichtliche und psychologische Notwendigkeit des Vorhandenseins einer konservativen wie einer fortschrittlichen Partei und ihres Kampfes anerkannte, suchte er das Gleichgewicht zwischen ihnen zu erhalten und einen gemeinsamen Boden zu finden, auf dem sie sich zu einmütiger Verteidigung der erhabenen Grundsätze des Judentums zusammenfinden und versöhnen könnten. Die rein äußerlichen Neuerungen in den Formen des Kultus und Ritus waren ihm viel unwichtiger, als die innere Umwandlung, der Fortschritt des Volkscharakters, der Ideen, Sitten, Bestrebungen. Nicht Reform, sondern Wiedergeburt, das war sein Losungswort. Das bedeutsame bestand für ihn darin, das alte Judentum von allem Aberglauben und Mißwuchs zu reinigen, seinen öffentlichen und häuslichen Gottesdienst sowie seine Zeremonien von veralteten und unschönen Formen zu befreien, es mit der Wissenschaft und den Grundanschauungen der Gegenwart zu versöhnen, allen seinen Getreuen das wahre Wesen des Judentums und das Ziel, nach dem es jetzt wie in aller Ewigkeit hinstreben muß, verständlich zu machen und nahe zu bringen. Der Mittelpunkt der israelitischen Religion war für ihn der messianische Gedanke, im Sinne nicht eines persönlichen Messias sondern einer Zeit, wo der reine und unverfälschte Monotheismus, ausgedrückt in der Lehre Israels, in der ganzen Welt triumphieren würde, und mit ihm die Ideen des allgemeinen Friedens, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die Veredelung und Erhebung der ganzen menschlichen Natur. Sobald Israel, sagt er schon im Jahre 1843, die messianische Lehre aufgäbe, würde es auf seinen besonderen Charakter, auf seinen wahren Wert, kurz auf sich selbst verzichten; denn diese Lehre ist der wirkliche Boden des Judentums, wo es sich von der Individualität zur Allgemeinheit erhebt. Wenn wir nun Philippsons Denkungsart über diesen Gegenstand näher betrachten, so finden wir