Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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89 Seine Anschauungs weise und seine Ziele waren ebenso selbständig wie Star, ebenso selbstsicher wie fruchtbar. Für ihn war, wie er schon im Beginne seiner Laufbahn es aussprach, „das wahre Lebensprinzip des Judentums die geschichtliche Entwickelung auf dem Boden der heiligen Schrift" und besonders der Thora. Er verfolgte den Gedanken einer allmählichen und natürlichen Evolution, die sich niemals in plötzlicher und gewaltsamer Weise von der Vergangenheit trennt, die nicht mit der verehrungswürdigen, von so vielen Generationen geheiligten Ueberlieferung bricht, nicht den durch die Frömmigkeit und die Arbeiten der Voreltern gefestigten Boden verläßt; die aber anderseits allen gesunden Bestrebungen der Gegenwart, den Forschritten der Wissenschaft, den im öffentlichen Bewußtsein sich vollziehenden Aenderungen zugänglich ist. Er hielt sich ebenso fern von der Bewegungslosigkeit der Orthodoxie wie von der Willkür der „Reformpartei". Er wollte das Judentum weder den gebieterischen Anforderungen des jungen Geschlechts verschließen, noch es allen Wellenbewegungen des Augenblicks oder den unbestimmten und verweichlichenden Gedanken eines unsicheren und schwankenden Deismus überlassen. Er war, wie er oft selber gesagt hat, ein historischer Israelit; und er bezeichnet als sein Ideal, das seit mehr als dreitausend Jahren geoffenbarte göttliche Wort zu betätigen nach der geschichtlichen Entwickelung des Judentums, inmitten der modernen Bestrebungen und Einrichtungen. Wie alle Gemäßigten, wie alle Vorsichtigen und Nachdenklichen, die sich nicht einem leichten und einfachen Radikalismus nach der einen oder anderen Seite unterwerfen wollen, wurde er von beiden Extremen oft und scharf angegriffen. Die einen, die absoluten Orthodoxen, betrachteten ihn als einen Abtrünnigen, die anderen, die radikaleren Neuerer, als schwach und veränderlich. Und doch kann es nichts festeres, in sich begründeteres, logischeres geben, als den Gesichtspunkt, auf den er sich seit seiner Jugend gestellt, und auf dem er sich während