Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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88 sondern von der Wiederauslösung seines eigentlichen Kernes aus dem entstellenden Wüste der Jahrhunderte des Verfalls erwartete. Der Führer der radikalen Richtung dieser neuen Reform ward der als Gelehrter und geistvoller Schriftsteller begabteste und bahnbrechende Mann des neueren Judentums. Abraham Geiger, dem sich eine Fülle aufstrebender Theologen und Denker anschloß. Seiner Schule gegenüber entstand, nach dem Beispiel und unter der Leitung des begeisterten und mutvollen Romantikers Samson Raphael Hirsch die Neu-Orthodorie. Sie suchte auf ihre Weise einen Ausgleich zwischen der modernen Kultur und dem überlieferten Judentum, indem sie dieses zur Grundlage machte, jene nur insoweit zuließ und anwandte, als sie sich mit diesen: vertrage. Zwischen beiden theoretisch wohl berechtigten, aber extremen Richtungen herrschte ein wilder Krieg, der ein Schisma, eine vollständige Trennung herbeizuführen drohte. Nur der treffliche Seelsorger und Prediger in Wien, Mannheimer, suchte die Mitte zwischen den Parteien herzustellen und richtete einen wohlgeordneten und trotzdem auf konservativer Grundlage beruhenden Gottesdienst ein. Aber das hatte auf Deutschland kaum einen Einfluß. Wien lag damals den deutschen Interessen ungeheuer fern. Innerhalb dieser bedrohlichen Krisis trat Ludwig Philippson in Tätigkeit. Er fand sofort den Weg. den er sein ganzes Leben verfolgen sollte, und das in einem Alter, wo man sonst noch zu lernen, zu tasten pflegt. Wie der Fünfzehnjährige im Vorwort zu seiner metrischen Uebersetzung der Propheten Hosea, Joel, Obadjah und Nahum als sein Programm verkündete: „Erreiche ich aber, daß ich in dem Geiste nur einiger, vorzüglich unter den Israeliten, wo der Sinn für ihre altertünilichen Schriften und ihre ehrwürdige ehemalige Muttersprache so sehr gesunken ist. die Liebe zu denselben etwas erwecke, so wird dies mein schönster, größter Lohn sein."