Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Pariser Revolution vom Juli 1830 den Liberalismus auch in den deutschen Gauen. Aber dieser Umschwung vollzog sich nur langsam, und dann lediglich in den gebildeten Kreisen der Bevölkerung. Die inneren Zustände der deutschen Judenheit waren nicht befriedigender, als die äußere Lage, sie waren tief zerrissen und zerklüftet. Es war verhängnisvoll, daß Moses Mendelssohn sein Ideal in der allgemeinen, außerjüdischen Kultur hatte suchen müssen, tatsächlich gesucht und damit seine Schüler und Anhänger aus dem Judentum hinausgewiesen hatte. So erfolgte ein allgemeiner Abfall von der Religion der Väter; und diejenigen, die ihr äußerlich treu blieben, wollten sie in eine unbestimmte „Naturreligion" verflachen und sogar den brutalen Zwang christlicher Behörden in Anspruch nehmen, um die „Alfanzereien" der Ueberlieferung abzustellen. Kein Wunder, daß die Mehrzahl der Juden von dieser Richtung nichts wissen wollte und in der behaglichen Dumpfheit aller überkommenen Zu- und Mißstände verblieb, die allerdings zu den Forderungen neuzeitlicher und speziell deutscher Kultur einen unversöhnlichen Gegensatz ausmachten. Diese Alt-Orthodoxen wandten sich nun ihrerseits an die reaktionären Regierungsgewalten, besonders in Preußen, um jede Betätigung reformistischer Ideen in Kultus und Schule zu unterdrücken. Voll bitterer Feindschaft verfolgten sie solche, wo sie sich zeigten, wie in dem neu begründeten „Tempel" in Hamburg. Und doch war die Alt-Orthodoxie nicht mehr lebensfähig, da sie den unwiderstehlich hereinbrechenden neuen Geist nicht ertrug. Das alte Rabbinat, im Sinne rein talmudischrabbinischer Bildung, hatte jeden Halt verloren und starb langsam dahin. Eine neue Generation wuchs heran, die von dem wieder erwachten Bedürfnis religiöser Vertiefung erfüllt, das Heil nicht mehr, wie die unmittelbaren Mendelssohnianer, von der möglichst schnellen und gründlichen Assimilierung des Judentums mit der christlichen Kultur,