Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 3)
- Language
- German
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86 Anteil an den wunderbaren Fortschritten der Naturwissenschaften während seiner Zeit, ebenso wie an den Entdeckungen und geistvollen Darstellungen der Geschichtsforscher. Und alles das setzte er mit der Religion, mit dem Judentum in engste Verbindung. Als Philippson, noch sehr jung, sich in die öffentliche Arena begab, machte das Judentum in Deutschland eine schwere Krisis durch — eine Krisis, die Tausende an dessen Fortdauer verzweifeln ließ. Aber, wie so oft, hat hier die unvergleichliche Lebenskraft des Judentums die inneren Krankheiten und die von außen andringenden Gefahren und Schädigungen siegreich überwunden. Freilich, es war eine traurige Zeit. Die Besiegung des gewaltigen „Erbfeindes" in den Befreiungskriegen hatte das deutsche Nationalgefühl bis zur Siedehitze gesteigert und eine Ausschließlichkeit erzeugt, die in den Juden nur ein fremdartiges, auszustoßendes Volkselement erblicken ließ, obwohl sie im Kampfe für das gemeinsame Vaterland in vollem Umfange mit ihrem Blut und Leben eingetreten waren. Heftige, zum Teil sogar blutige Verfolgungen wehrloser Juden entehrten den gesamten Westen und Nordwesten Deutschlands. Ihre Gleichberechtigung, die durch die mittelbare oder direkte französische Herrschaft begründet war, wurde nun allerorten wieder aufgehoben. Selbst die freien Städte Frankfurt und Hamburg schlossen sie von neuem in das Ghetto ein und unterdrückten sie durch alle Arten von Quälereien, während die beiden anderen freien Städte Lübeck und Bremen sie sogar aus ihren Mauern vertrieben. Auch in vielen fürstlichen Staaten Deutschlands blieben den Juden die meisten bürgerlichen Rechte versagt, wurden sie in Niederlassung uud Beschäftigung mannigfach behindert und beschränkt — staats-, bürgerliche Rechte besaßen sie nirgens. Nur allmählich senkte die Schale sich zu ihren Gunsten. Die beißende, von edlem Unwillen getragene Ironie Boernes verwundete die Judenfeinde mit ihrer Logik und ihrem scharfen Sarkasmus, während der dichterische Romantismus des jugendlichen Heine um Israels Vergangenheit den Zauber gefühlvollen Schimmers wob. Anderseits belebte die