Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111094-3114750--3776-3114849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81 gewahrte er Uebereinstimmungen zwischen den Sadduzäern und den Karäern; so schloß er auf eine innere Verwandtschaft dieser Sekten, die inzwischen durch Urkunden aus alter Zeit erwiesen worden ist. Aber noch mehr, es ergab sich vielfache Gemeinschaft ihrer Auffassungen mit den Samaritanern und mit Anschauungen, die im traditionellen jüdischen Schrifttum nicht unbekannt, aber zurückgedrängt sind. Daran knüpfte Geiger seine epochemachende Theorie vom Wesen des Sadduzäismus und dem Ursprung des Talmudismus an. Die Sadduzäer waren nicht, wie die spätere jüdische Tradition sie hinstellt, die Neuerer, die von dem altüberlieferten mündlichen Gesetz nichts wissen wollten. Sie waren die Partei der Herrschenden, der einflußreichen regierenden Priestergeschlechter, und wie alle aristokratischen Parteien waren sie konservativ und exklusiv. Sie hielten mit starrem Eigensinn fest an der überlieferten Norm, sie waren die Verfechter der alten priesterlichen Halacha. Aber seit den Makkabäerkämpfen trat ihnen eine neue Klasse gegenüber, der Bürgerstand, der die Unabhängigkeit des Vaterlandes erkämpft hatte und der nun seinen Platz und seinen Einfluß beanspruchte. Nicht den Priestern allein sollte die Religion zu eigen sein, die Heiligung des Lebens nicht. ihr ausschließliches Vorrecht bilden, denn „allen ist gegeben das Erbe, das Königreich, das Priestertum und die Heiligung". Darum mußte die Religion mngestaltet und ausgebildet, individualisiert werden. Die das forderten, waren die Pharisäer, die Geiger als die Partei des Fortschritts und der religiösen Reform erwiesen und so von dem Makel befreit hat, der seit den Tagen der Evangelien ihnen anhaftete. Von ihnen ging die Bewegung aus, die in Männern wie Hillel und Akiba ihren Höhepunkt, die in der neuen Halacha ihren Niederschlag fand und zur Demokratisierung des Judentums führte. Diese Bewegung hat dem Judentum die Beweglichkeit, die Möglichkeit der Anpassung an die verschiedensten Verhältnisse verliehen, sie hat ihm eine bedeutende Vertiefung der Religion gebracht. 6