Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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80 der spanischen und italienischen Schule. Was die Bearbeitungen besonders wertvoll machte, waren die fein nachempfundenen Uebertragungen der hebräischen Poesien; sie haben die Dichter der Gegenwart nahe gebracht, viel dazu beigetragen, das Verständnis für sie in einer ganz anderen Zeit und unter einem anderen Himmel zu wecken. Die Bibel war dem Studienkreis der Judenheit niemals entschwunden, aber der Sinn für einfache natürliche Schriftauslegung war in den Jahrhunderten des Verfalls stark getrübt worden, die besten Schriften zur Bibelauslegung wurden mißachtet oder waren vergessen. Es ist ein großes Verdienst von Geiger, daß er den Leistungen der Juden auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft und der Schriftforschung die gebührende Anerkennung verschafft hat. Seine Darstellungen der nordfranzösischen Exegetenschule, seine Biographien der Kimchiden sind trotz der viel reicheren Hilfsmittel unserer Zeit bis aus den heutigen Tag unübertroffen. Der Vertiefung in die Bibel, in die Geschichte der Ueberlieferung ihres Textes und ihrer Uebersetzungen verdankt dasjenige Werk Geigers seinen Ursprung, das seinen wissenschaftlichen Ruhm am weitesten verbreitet und am festesten begründet hat. Die „Urschrift und Uebersetzungen der heiligen Schrift" verfocht die These, daß der Bibeltext nicht unversehrt überliefert ist, daß die geistigen Strömungen der einzelnen Zeiten ihre Gedanken in ihm wiederfanden, und daß sie sie durch kleine Eingriffe in den Text, durch tendenziöse Aenderungen darin zum Ausdruck brachten. Ebenso verraten die verschiedenen Uebersetzungen der heiligen Schrift die wechselnde Geistesrichtung, und mehrfach sind neue Uebersetzungen notwendig geworden, weil eine neue Auffassung vom Schriftwort zur Herrschaft gelangt war. Der geistigen Bewegung im Judentum nach dem babylonischen Exil nachgehend, gelangte Geiger zu einer neuen Auffassung von den religiösen Parteien. In vielen Einzelheiten der Schriftauslegung und der religiösen Praxis