Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 6)
- Language
- German
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76 Wechsel der Anforderungen tritt auch in der Tradition eine Umgestaltung ein, ist auch sie einer Umprägung unterworfen. — Diese einfachen Gedanken, die Geiger seiner Theologie zu Grunde legte, haben einen mächtigen Widerhall im deutschen Judentum geweckt; man konnte sich für oder wider sie erklären, aber man konnte es nicht umgehen, zu ihnen Stellung zu nehmen. Geiger und sein ehemaliger Studienfreund S. R. Hirsch wurden die geistigen Häupter der sich spaltenden Richtungen, die auf entgegengesetztem Wege die Wiederbelebung und geistige Durchdringung des erstarrten Judentums suchten. Aber so verblüffend einfach diese Gedanken waren, und so einfach sie namentlich uns heute erscheinen — ein Zeichen, daß sie den Sieg errungen haben — so schwierig war es, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Den Ausgleich zwischen dieser Lehre, dieser Auffassung vom Judentum und dem durch das Herkommen beeinflußten religiösen Leben herbeizuführen, dieser Aufgabe widmete Geiger seine ganze Kraft. Er war noch in einem jugendlich zu nennenden Alter, als er 1836 in der „wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" diese bahnbrechenden Ideen aussprach, und er hat bis zum letzten Tage seines Lebens an ihrer Praktischen Durchführung zu arbeiten nicht aufgehört. So zahlreich waren die Schwierigkeiten, so unermeßlich die Hindernisse. Der Reform, die auf historischer Grundlage gedacht war, bemächtigte sich die radikale Strömung, der Geiger nicht in allen Stücken zu widerstehen vermochte. Wurde hierdurch der Widerstand der konservativer Gesinnten hervorgerufen, so war nicht minder schädlich das Verhalten der eigenen Anhänger, deren Eifer rasch erlahmte, die keine Ausdauer zeigten in der Begeisterung für die neuen Ideen. Ihrer Verwirklichung galt Geigers Tätigkeit als Rabbiner, für sie wirkte er auf der Kanzel mit der Vollkraft seiner zündenden Beredsamkeit. Schon in Wiesbaden begann er mit einer Umgestaltung des Religionsunterrichts. In Breslau gründete und leitete er die Religionsschule; noch heute erzählen Männer und Frauen