Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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75 helfen. Er forderte eine umfassendere, weit gründlichere Kur, eine völlig neue Auffassung von der jüdischen Religion. „Das Schwere wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne soll Sinn und Bedeutung haben, soll den Geist erheben, das Herz erwärmen, damit es auf die ganze Lebensäußerung Einfluß hat". Die Wissenschaft des Judentums sollte nicht bei literarhistorischen Untersuchungen stehen bleiben, sondern eine jüdische Theologie schaffen, eine vom wissenschaftlichen Geist getränkte Anschauung vom Judentum, einen auf wissenschaftlicher Forschung beruhenden Einblick in die Entwickelung der religiösen Ideen und der Erscheinungsformen des Judentums. Die jüdische Theologie hatte die Aufgabe, hinter die ganz mechanisch geübten und leblos gewordenen Zeremonien zu führen, die ihnen zu Grunde liegenden ewigen Ideen aufzuzeigen, die Vorstellung, als bestände das Judentum nur aus Formen, zu beseitigen, die „Formenstarrheit" zu zerstören. Schon die ersten Untersuchungen der neuen Wissenschaft des Judentums hatten gezeigt, daß die Form im Judentum keine absolute, daß die bestehende eine gewordene ist, daß sie allmählich sich gestaltet hat, daß sie wohl auf einer ewigen Grundlage ruht, aber im Laufe der Zeit durch innere und äußere Verhältnisse mannigfache Ansätze erhalten, mannigfache Veränderungen erlitten hat, daß insbesondere auch die unglückliche Lage der Juden überaus ungünstige Bedingungen für eine freie, gesunde Entwickelung der jüdischen Religion geschaffen hat. Damit fiel der hergebrachte Begriff der Tradition. Nicht mehr als die Ueberlieferung einer von Gott entstammten, von Geschlecht zu Geschlecht verpflanzten mündlichen Lehre betrachtete sie Geiger, sondern als „den innerlich fortwirkenden schöpferischen umgestaltenden Geist, wie er im Judentum erweckt worden, zum Ausdruck gelangt ist und fortlebt". Nicht um ihres Ursprungs allein, sondern um jeder ihrer Phasen willen verdient daher die Tradition Beachtung, andererseits aber dürfen ihre Aeußerungen nur einen relativen Wert beanspruchen, da sie in ihrer Ausprägung immer zeitlich bedingt ist; bei Veränderung der Zeiten, bei Läuterung der Erkenntnis und beim