Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 4)
- Language
- German
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74 Dann traf ihn der schwere Schicksalsschlag, der Tod ferner Emilie, der das innige Familienleben zerstörte. Auch der Eifer der Freunde und Anhänger für die Sache des Fortschritts erlahmte. So folgte er 1863 dem Ruf der Heimatsgemeinde Frankfurt, die ihn zu ihrem Rabbiner erwählt hatte. DereigenartigenVerhältnisse wegen war die Wirksamkeit hier weder leicht noch erfreulich. Sie dauerte auch nicht lange, denn gar bald wurde von Berlin aus mit Geiger verhandelt, und als nach langen schweren Kämpfen die Vertreter Ses Fortschrittes dort zum Siege gelangt waren, wurde Geiger 1869 zum Rabbiner der Hauptstadt erwählt. Dort fand auch das Ideal seines Lebens Erfüllung, die 1872 eröffnete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ernannte ihn zu ihrem Dozenten; eine wisfensdurstige Schar von Jüngern lauschte begeistert den Vorträgen, in denen der Meister den Ertrag seiner Lebensarbeit mitteilte. Mitten aus einer umfassenden segensreichen Tätigkeit wurde der jugendfrische Mann durch einen plötzlichen Tod am 23. 10. 1874 herausgerissen. II. Wichtiger als der äußere Lebensgang ist die innere Entwickelung Abraham Geigers. Denn seine Bedeutung liegt vor allem darin, daß er der Begründer einer neuen Epoche im religiösen Leben des Judentums geworden ist, der Begründer und erste Verkünder der jüdischen Theologie. Das Judentum machte vor 10O Jahren eine schwere Krisis durch, die durch Moses Mendelsson ihr zugeführte Luft der Kulturwelt schien der Religion des Ghetto die Auflösung zu bringen, selbst die Besten sahen sich dem Abfall ratlos gegenüber, selbst die Treusten sahen in verzweifelter Resignation, wie ihnen der Boden unter den Füßen schwand. In dieser Gefahr trat Geiger auf, er wollte von den kleinlichen Heilmitteln nichts hören, er verwarf die nutzlosen Versuche, durch Ordnung und Verschönerung des Gottesdienstes dem Judentum aufzu-