Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Abraham Geiger
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
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78 Vertrat während eines langen Aufenthaltes in Berlin selbst sein Recht bei den höchsten Behörden und siegte schließlich. Die unfreiwillige Muße brachte ihm als besonderen Gewinn den anregenden Umgang mit Leopold Zunz, mit dem er Freundschaft fürs Leben schloß, und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Arbeiten. Endlich 1840 durfte er sein Amt antreten, im Sommer gründete er sein Haus durch die Vermählung mit der heißgeliebten Braut, mit der ihn das glücklichste Familienleben 20 Jahre lang vereinte. In Breslau erzielte sein Auftreten große Triumphe. Gar bald aber wurde er in schwere Kämpfe verwickelt, da der Rabbiner Tiktin sich weigerte, den Mann der Reform anzuerkennen. Es entbrannte der Geiger-Tiktinsche Streit, dem eine weit über das Persönliche hinausgehende Bedeutung in der Geschichte zukommt. Hier kam zum ersten Male die Frage zur Entscheidung, ob ein in seiner Gesinnung dem herkömmlichen rabbinischen Judentum entwachsener Mann fähig war, eine Rabbinerstelle zu bekleiden; die Gutachten, die beide Parteien von ihren Gesinnungsgenossen einzogen und verbreiteten, gaben diesem lokalen Streite ein allgemeines Gepräge. In der Gemeinde selbst erregte der Kampf die Leidenschaften aufs Heftigste; wenn auch Geigers Partei die stärkere war. so konnte er dennoch an der eingetretenen Spaltung keine Freude empfinden. Der vorzeitige Tod seines Gegners beschleunigte den Frieden. Geiger blieb neben dem jüngeren Tiktin gleichberechtigter Rabbiner der Gemeinde, jeder von ihnen hatte vollständige Berechtigung zu allen rabbinischen Funktionen, sie wirkten jeder in einer besonderen Synagoge mit verschiedenem Ritus. Nach dieser Einigung verlebte Geiger in Breslau glückliche Jahre frischen Schaffens auf dem Gebiete des Gemeindelebens und der Wissenschaft, von hier aus begründete er seinen Ruf als Vorkämpfer des Fortschritts und als Fürst der Wissenschaft. Auch an fröhlichem Kampfe für seine Ideen fehlte es nicht. Das Jahr 185? mit dem 25jährigen Rabbinerjubiläum, das Anerkennung von allen Seiten brachte, bezeichnete den Höhepunkt des Glücks.