Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Im letzten Berichtsjahre haben die religionsgeschichtlichen Forschungen weitere Fortschritte gemacht, und zwar nicht nur nach dem Umfange der neuen Erscheinungen aus diesem Gebiete, sondern auch hinsichtlich der gewählten Methode. Das Interesse für diese Probleme ist zweifellos im Steigen begriffen. Es ist aber erfreulicherweise ein neuer Zug in deren Behandlung zu bemerken. Das Streben, die Erscheinungen nicht mehr spekulativ, sondern geschichtlich-evolutionär zu erfassen, ist allgemein. Die literarischen Quellen der Religion, die geschichtlichen Dokumente werden kritisch und Voraussetzungslos geprüft, und immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß das Christentum nicht aus sich als Gegensatz zum Judentum entstanden ist, sondern eine Erscheinungsform des Judentums bedeutet, wie sie die geschichtlichen Ereignisse jener Zeit, als das Christentum auftrat, möglich und notwendig machten. In Bezug auf die kritische Beleuchtung der vorhandenen Dokumente in den jüngeren biblischen Schriften haben die bekannten Funde in Elephantine geradezu Epoche gemacht. Denn abgesehen von dem äußerst wichtigen Inhalt der aufgefundenen Papyri, die eine bis dahin dunkel gebliebene geschichtliche Epoche des Judentums hell beleuchten, haben sie auch gelehrt, in der Kritik Maß zu halten und nicht jeden geschichtlichen biblischen Bericht schlechtweg als „apokryph" hinzustellen, lediglich weil er uns im biblischen Kanon aufbewahrt wurde. Noch bis vor wenigen Jahren genügte dieser Umstand, das geschichtliche Dokument zu verdächtigen und zu diskreditieren. Diese Methode der Kritik war in eine Art Kriminalistik ausgeartet, in der mancher Historiker seinen Scharfsinn zur Geltung brachte. Man hat jetzt mehr Achtung vor dem Ernst und der Unbefangenheit, mit der die biblischen Schriftsteller an die Behandlung ihres Stoffes gegangen sind. Und hat man sich jetzt überzeugen müssen, daß der geschichtliche Boden ein sicherer sei, so ist dadurch auch eine feste Grundlage für eine wirklich wissenschaftliche religionsgeschichtliche Forschung gewonnen. Es ist zu hoffen, daß diese Wissenschaft in der Zukunft das konfeffionelle Vorurteil ganz 3*