Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Literarische Jahresrevue
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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23 noch bestand) sind die Fesseln für die Juden gefallen. Die Freiheit ist für sie errungen, sie selbst scheinen als Wächter derselben eingesetzt; die Erringung der Gleichheit und Brüderlichkeit steht noch bevor. Die Anerkennung der Juden als vollberechtigte Glieder ist bereits so ziemlich durchgedrungen; die Anerkennung des Judentums aber unterliegt noch schweren Kämpfen". Der Historiker hat noch die schwere Enttäuschung erlebt hinsichtlich der bürgerlichen Gleichstellung der Juden nicht nur in Rußland, sondern auch in West- und Mitteleuropa. Auch das Ideal der Gleichheit und Brüderlichkeit ist in den letzten drei Jahrzehnten nicht gefördert, sondern im Gegenteil stark zurückgedrängt worden. Hingegen scheint mir die Anerkennung des Judentums Fortschritte gemacht zu haben, was im Wesentlichen der Wissenschaft des Judentums zu verdanken ist. Da sind wir nicht auf den politischen Parteikampf und auch nicht aus den politischen Parteiegoismus angewiesen. Wir haben nicht die gesetzgebenden Faktoren in Bewegung zu setzen, und auch die Launen der mächtigen Autokraten verfehlen ihre Wirkung im Reiche des Geistes. Die Wissenschaft des Judentums verläßt das Ghetto, in das sie durch das Uebelwollen einflußreicher Kreise gesperrt worden ist, um in freier Bewegung und in lichtvoller Behandlung immer mehr den Universalismus des Judentums selbst zu erlangen. Was Juden auf dem Gebiete der verschiedenen Wissenschaften geschaffen haben, gehört der zivilisierten Menschheit an. Es wird sich seinen Platz erobern, gleichviel ob man dies will oder nicht. Gerade in unserer Zeit sind Probleme entstanden, die die Gemüter aufs lebhafteste beschäftigen, und diese Probleme können nicht ihre richtige Lösung finden ohne genaue Kenntnis des Judentums. Ich hoffe sogar bestimmt, daß auch für uns Juden in der Erforschung des Judentums eineneue, bessere Zeit hereinbrechen wird. Zweifellos haben wir bisher einen großen Teil unserer geistigen Kräfte in der Polemik verbraucht, in der Abwehr unberechtigter Angriffe auf das Judentum und