Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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18 Juden auf. In den Handelsschulen, an denen auch allgemeine Fächer gelehrt werden, konnten die Juden bisher in unbeschränkter Anzahl Aufnahme finden; nun ist auch hier die Prozentbeschränkung angeordnet worden, was die Schließung der meisten dieser Schulen zur Folge haben wird. Die große Bewegung der Gründung jüdischer Literaturvereine findet an vielen Orten Widerstand von seiten der Verwaltungsbehörden. Die schlimmste Gewalttat aber ist die Vernichtung der von den Juden selbst begründeten, mit Zustimmung und unter Aufsicht der Regierung verwalteten Gymnasien und Realschulen. Das Kultusministerium hat nämlich befohlen, daß in Zukunft auch in diesen Anstalten der Besuch der jüdischen Kinder auf den berüchtigten Prozentsatz herabgesetzt werde. Selbstverständlich haben die Israeliten keinerlei Veranlassung, Schulen zu unterhalten, auf denen mindestens neunzig Prozent Andersgläubiger lernen — und so werden diese Schulen verschwinden, das in ihnen angelegte Kapital ist verloren, das Lehrerpersonal brotlos, und tausende von Kindern müssen des höheren Unterrichts entbehren. Eine tückischere und brutalere, allem Rechte und aller Billigkeit lauter Hohn sprechende Vergewaltigung ist wohl nie dagewesen. Man unterdrückt das Mldungsstreben der Juden ebenso wie ihre Bemühungen, sich dem Ackerbau zu widmen, und dann wirft man ihnen ausschließlichen Schachergeist vor. Was will es dagegen besagen, daß der Zar einzelne Juden mit Ordensauszeichnungen oder Rangerhöhungen beglückt? Trotz aller Demütigungen und Mißhandlungen aber bleiben die russischen Juden ihrem Glauben treu. Ja, noch mehr; im Jahre 1909 sind dort nicht weniger als 400 getaufte Juden zum Bekenntnis chrer Väter zurückgekehrt, trotz aller materiellen und moralischen Nachteile, das dieses ihnen bringt. Es wird den Feinden des Judentums wahrlich nicht gelingen, unsere Religion zu vernichten! Die innere Entwickelung der Judenheit in Rußland läßt freilich viel zu wünschen übrig.