Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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17 hatten. Ohne jede gesetzliche Handhabe ist den Juden der Aufenthalt in den baltischen Seebädern, mit Ausnahme von Dubbeln, verboten. Was soll man aber dazu sagen, daß der Senat überhaupt alle Sommerfrischen innerhalb des Ansiedlungsrayons selbst den Juden verschlossen hat unter dem Vorwände, daß sie ja dort nicht auf dem Lande wohnen dürften. Sogar aus Landhäusern, die dicht vor den Toren der Städte liegen, werden die Juden vertrieben. Der Besuch des sibirischen Badeortes Schiro wurde ihnen untersagt; infolge davon sank die Frequenz dort von 2000 Gästen auf 200. Ebenso wie man örtlich die Juden immer mehr einzuengen sucht, so auch dem Berufe nach. Ein Erlaß des Verkehrsministers befiehlt die Säuberung der Eisenbahnverwaltung von allen „nichtrussischen" Elementen an. Daraufhin mußte auch der Direktor der Südwestbahn, Wirklicher Staatsrat M. Abramsohn, einer der anerkanntesten Eisenbahningenieure Rußlands, seine Entlassung nehmen. Es ist anzuerkennen, daß der Jnstizminister nicht ganz so weit ging wie sein Kollege; er erließ eine Verordnung, nach der innerhalb des Ansiedlungsrayons nur 35, außerhalb desselben nur 20°/o der Rechtsanwälte Juden sein dürfen. Die jüdischen Advokatengehilfen wurden von der Tätigkeit an den Gerichten ausgeschlossen. In die Feldscheerschulen sollen nur 10% Juden ausgenommen' werden. Ueberhaupt gilt der Feldzug der russischen Machthaber gegen die Juden, die fteilich viel wehrloser sind, als die Japaner, dieses mal in erster Linie der jüdischen Intelligenz. Früher, unter Alexander II. und sogar unter Nikolaus I., hat man sie mit aller Macht begünstigt und zu entwickeln gesucht; jetzt bekämpft man sie, aus Furcht, sie könne sich der russischen Intelligenz überlegen erweisen. Man untersagt Fortbildungskurse für jüdische Lehrer in Wilna. Man nimmt in die Architektenabteilung der Petersburger Kunstakademie nur noch drei Prozent, in die Malereiklassen gar nur zwei Prozent 2