Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 ihren Anhängern über ihren wahren Wert die Augen öffnen werden. Auch unter den Tschechen flaut der bisher unter ihnen herrschende Antisemitismus ab. Nach einer Pause von vielen Jahren zog wieder ein tschechischer Abgeordneter jüdischen Glaubens in den böhmischen Landtag ein. Der Sturz des nationalistisch-aristokratisch-klerikalen Koalitionsministeriums in Ungarn und sein Ersatz durch das gemäßigt aber entschieden liberale Ministerium Khuen- Hedervary ist, wie für das ganze Land, so besonders für dessen jüdische Bewohner ein Glück. Die antisemitische Haltung, die die vorige Regierung vielfach und zumal in Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten angenommen hatten, ist von der jetzigen nicht zu fürchten. Das drohende Unheil ist an unseren dortigen Glaubensgenossen noch einmal vorübergegangen. Der Ministerpräsident hat nicht allein jede Möglichkeit, daß er sich von konfessionellen Rücksichten leiten lassen könne, mit großer Bestimmtheit von sich gewiesen, sondern auch seine persönlichen Sympathien für die Israeliten mit ihrem innigen Familiensinn und prinzipientreuen Festhalten an ihrer religiösen Ueberlieferung mit Nachdruck betont. In der Tat hatte er zum Erzieher seiner Söhne einen orthodoxen Juden gewählt, den er von einem koscheren Schlächter besonders verpflegen ließ. Ein seltenes Beispiel der Unbefangenheit von seiten eines Ritters des Goldenen Vließes und designierten Ministerpräsidenten! Die Tatsache, daß die in diesem Frühjahr vollzogenen Wahlen zum ungarischen Reichstage nur elf Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses, anstatt der bisherigen vierundzwanzig, ergeben haben, ist lediglich eine Folge der Zugehörigkeit der großen Mehrzahl der bisherigen jüdischen Abgeordneten zu den nunmehr bis zur Vernichtung geschlagenen Kossuth- und Justh-Parteien. Ein Schluß auf antisemitische Gesinnung der Wählerschaften ist aus diesem Umstande nicht zu ziehen. Jndenskandinavischen Ländern ist die Gleichstellung der Juden so selbstverständlich, daß hier besonderes kaum