Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 14 (1911)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5670
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 der Russen und Galizier erhob sich eine gewaltige und bis zur Unerträglichkeit lärmende Opposition gegen die bisherige Leitung der Partei, der man Schlaffheit und Tatenlosigkeit vorwarf; am Ende erhielt die Leitung doch ein Vertrauensvotum. Man beschloß die Gründung von Siedlungsgenossenschaften in Palästina, gelangte aber in den Hauptfragen nicht zü einer endgiltigen Lösung. Einen Fortschritt der zionistischen Sache bedeutet dieser Kongreß nicht. Auch in dem benachbarten und verbündetenO est e rr ei ch scheint der so lange herrschende Antisemitismus iimner mehr an Schärfe zu verlieren. Zum ersten Male seit langen Jahren sind Juden zu Oberlandesgerichtsräten befördert worden, und zwar gleich sechs auf ein Mal. Der jüdische Vizedirektor der Wiener Universitätsbibliothek wurde mit dem Range eines Regierungsrates zum Dezernenten für die Angelegenheiten der israelitischen Religionsgenossenschaft im Kultusministerium bestellt — ein Akt der Berücksichtigung der jüdischen religiösen Interessen. der auch in anderen Ländern Nachahmung verdient. War es schon unter der Einwirkung dieses Rates, daß das Kultusministerium für sämtliche Mittel- und höhere Schulen eine Disziplinarordnung ausarbeitete, die alle Akte konfessioneller und nationaler Unduldsamkeit den Schülern unter strengsten Strafen untersagtes Diese Disziplinarordnung wird zumal dem Martyrium ein Ende machen, das die israelitischen Schüler an vielen Orten zu erdulden hatten — auch oft von seiten der Lehrer. Selbst der Tod des obersten Antisemitenführers Karl Lueger rief die Betrachtung hervor, wie sehr dieser in den letzten Jahren die Judenfeindschaft nur als Kampf- und Parademittel behandelte, in der Wirklichkeit sich aber viel gemäßigter gezeigt hatte. Nur so konnte es kommen, daß selbst bekenntnistreue Juden das Hinscheiden des zweifellos sehr begabten Bürgermeisters von Wien aufrichtig betrauerten. Nach diesem Ereignisse sind in seiner Partei leidenschaftliche und zum Teil recht schmutzige Streitigkeiten ausgebrochen, die vielen unter