Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 266 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Als alles in mir zu Ende war, schien es mir, als sollte ich doch noch zu jenem geistlichen Herrn gehen, der mich zum Übertritt vorbereitet hatte. Es ist dies ein vornehmer kirchlicher Würdenträger, zugleich wellkundig und gesellig; ich wäre ihm doch irgendwo in der Gesellschaft begegnet; er sollte von mir erfahren, was mich bewogen hatte, Jüdin zu bleiben". „Hab' schon gehört", unterbrach er mich etwas unwirsch, „weil der christliche Bräutigam Ihnen davongelaufen ist, wollen Sie unserm Herrgott untreu werden". „So also wurde die Geschichte herumerzählt. Nun sagte ich ihm, wie es gewesen ist und er hörte aufmerksam zu. Zum Schluß stellte ich ihn direkt vor die Frage: „Sie kennen die Leiden meines Volkes, Sie wissen, daß alles Gute, Edle und Menschliche in den Massen des Ostens nach unb nach ertötet wird, daß sie elend find und immer elender werden. Nun frage ich Sie, einen hohen Würdenträger der Kirche: Was ist edler, besser und gottgefälliger, daß ich übertrete und meine Volksgenossen verlasse, oder daß ich bei ihnen ausharre und mit meiner Bildung, meinem Vermögen und meinen Verbindungen an ihrer Wiedererweckung, an ihrer Erlösung arbeite? Er überlegte eine Weile und sagte dann mit ruhigen, festen Worten:. „Sie handeln recht, mein Kind. Ich verliere Sie ungern. Aber das ist so meine Erfahrung: jene, die gute Christen wären, bleiben zumeist gute Juden". „Du fragst, ob ich viel für die armen Juden des Ostens geleistet habe, liebe Edith? Wenig genug. Ich habe Geld für die russischen Brüder gesammelt, die Waisen, die hier durchzogen, die Opfer des Progroms betreut und bewirtet^ nun schließe ich mich unseren Humanitätsvereinen an, die aufzublühen beginnen. Sie pflegen und bewirten verwahrloste Kinder, sammeln abends die Erwachsenen um sich, belehren und erfreuen sie mit künstlerischen Gaben, sie bieten den armen Frauen im Osten gut lohnende Heimarbeit — und was die Hauptsache ist, ich bin da, ich fülle meinen Platz aus. Wenn uns alle geblieben wären, die ims verlassen haben, welch' eine herrliche Gemeinschaft wären