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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 264

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Die gute Partie
Date
1908-01-01
Page
264 (sequence 14)
Language
German
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264 beabsichtigten Religionswechsel erst seine wirkliche Bedeutung. Ich begann darüber zu denken, zu linnen und nachzuspüren. Die Verfolgungen wurden mir zum lebendigen Geschehnis — ich hörte und sah all' das Scheußliche, Unsagbare, was im fernen Rußland geschehen war und hier geschehen konnte. Und wenn ich daran vergessen wollte, dann hörte ich eine Stimme in mir: „Russischer Jud', russischer Jud', russischer Jud'!" Ich ging ins Orchester-Konzert, eine Beethoven-Symphonie zu hören; die Musik hatte mich von jeher zerstreut und abgelenkt. Diesmal störte sie mich noch mehr auf. Jeder Paukenschlag war rnir ein Schuß, jeder Trompetenton ein Schrei, das englische Horn weinte gleich einem gemarterten Säugling, die Klarinette gab den Klagelaut gepeinigter: Mädchen. „Russischer Jud', russischer Jud'!" pochte es in mir, „russischer Jud', russischer Jud'!" schrie es in mir. Ich eilte heim, meinen Bräutigam verdutzt zurücklassend. Daheim warf ich mich in meine Kissen und stand wieder auf; ich begoß meine brennende Schläfe mit Eau de Cologne, dann nahm ich ein Andachtsbuch zur Hand, das mein geistlicher Lehrer mir gegeben hatte. Das Titelbild: ein leidender Heiland am Kreuz. Kaunr hatte ich das Bild gesehen, schrie es in mir: „Russischer Jud', russischer Jud'!" Das Bild wurde lebendig, es wechselte die Gestalt und vor meinen Augen tanzten verstörte Juden mit langen Bärten einen gräßlichen Totentanz. Es war eine fürchterliche Nacht, die diesem Tage folgte. Alle Greuel, die in den Zeitungen beschrieben waren, wurden lebendig in mir und all' die gemordeten, gemarterten und geschändeten Menschen hielten meine Kleider, packten meine Hände und schrieen verzweiflungsvoll: „Bleib' bei uns, geh' nicht weg, verlaß' uns nicht, hilf uns, rette uns!" Als am nächsten Tage mein Bräutigam fam, nach meinem Befinden zu fragen, da lag ich matt und verstört auf einem Divan. Ich erzählte ihm, daß der geplante Übertritt mich zu stören beginne, daß mich Gewissensbisse peinigten. Er sagte jedoch ganz Mhl: „Du weißt ja Gertrud, daß es sein mutz." Da fuhr ich auf. „Mutz!'"

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