Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 263 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Christentum mit allem, was es den Künsten und der Literatur cut herrlichen Vorwürfen geboten hat. Ich wäre ebenso Christin geworden, wie man Mitglied eines Vereins, eines Klubs wird, ohne viel Bedenken, wenn einem sonst die Gesellschaft Paßt. Ein hervorragender Würdenträger der Kirche war mein Lehrer; ich hatte ihn wiederholt besucht und bereitete mich bei ihm zu meinem Übertritt vor. Um jene Zeit kamen aus Rußland die ersten Berichte von entsetzlichen Judenverfolgungen. Die Presse brachte sie ausführlich mit vielen schauerlichen Einzelheiten, die mich in ziemliche Aufregung versetzten. Ich besprach alles, was mich nur irgend bewegte, mit meinem Bräutigam, also auch diese Nachrichten. Ihn ließen sie ziemlich kühl. Vorerst glaubte er nicht an die vollständige Wahrheit dieser Berichte — dann, als sie amtlich bestätigt wurden, fand er für die Mörder eine Entschuldigung darin, daß die Juden in Rußland Empörer, gefährliche Revolutionäre seien, die ihrerseits den heimtückischen Mord predigen und üben. Das gab einen Zwiespalt, der sich, mir kaum bewußt, langsam entwickelte. Ich untersuchte gar nicht, ob er Recht habe oder nicht; der kühle, fachliche Ton, in dem er sprach, dieser Ton allein genügte, um mich zu irritieren. Denn so wenig wir uns als Juden fühlten, beim Lesen dieser Nachrichten wurden meine Eltern und ich von tiefer Erregung ergriffen. Es war nicht bloßes Mitgefühl, das mis packte; nein, ich sage es offen, es war auch Angst, die blanke Angst, die über unsere Nerven kroch. Wenn es noch immer geschieht, daß, wie einst im zwölften imb dreizehnten Jahrhundert, Juden um ihres Glaubens willen oder ihrer Stammeszugehörigkeit wegen gemordet werden, kein Gesetz und keine Macht sie schützen kann, wer sagt uns, daß nicht hier bei uns ein Haufe fanatisierter Menschen uns überfällt, vernichtet, tötet — ehe die gesetzliche Macht Zeit gewinnt, uns zu schützen. Da beging meine Mutter eine Unklugheit: sie freute sich meines Übertrittes, weil ich durch diesen Schritt für die Zukunft allen Verfolgungen entgehe. Dieser Ausspruch gab meinem 17*