Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 261 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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261 Wesen atmete jene weibliche Ueberlegenheit, die sonst nur verheirateten Frauen eigen ist, denen das Lebeu alle Rätsel gelöst hat. Sie streichelte die jüngere Freundin, ließ ihr Zeit sich zu beruhigen und hörte geduldig ihre Klagen an. Denn Edith war fest überzeugt, daß alle Welt sich gegen sie verschworen habe und ihr gegenüber im Unrecht sei. Gertrud ließ sie ruhig gewähren' sie ließ sich von ihr die Schönheit der christlichen Religion erklären, die Beruhigung des Glaubens an den Erlöser, den Heiland, der für alle Menschen gestorben ist. Dann, als die Kleine sich ausgeweint hatte, fing sie an zu sprechen. „Weißt Du, daß ich schon einmal verlobt war"? Edith hatte davon gehört. Gertrud sei die Braut eines hohen Beamten gewesen, mit dem sie in schwerem Zwist auseinandergegangen war. Seither hatte sich kein anderer Bewerber gefunden, so hieß es. „Du meinst, wenn ich Alfred abweise, kriege ich auch nie wieder einen"? Gertrud hätte fast gelächelt — aber sie begann zu erzählen, und da wurde es ernst in ihr, fast traurig. Sie rückte nahe zu Edith, die sich wie ein müde geweintes Kind an sie schmiegte, nahm ihre zarte Rechte zwischen ihre schmalen langen Hände und erzählte, erst leise wie aus fernher auftauchender Erinnerung, dann immer lebendiger und lebhafter. „Das Schicksal des jüdischen Mädchens aus gutem Hause kann sich zweifach gestalten —, entweder sie heiratet, kaum daß sie lange Röcke trägt — ihres Wesens unbewußt, als halbes Kind aus ihrem Bekanntenkreise heraus und da ist es gleich, ob es vorher berechnet war oder sich zufällig fügt. Die Verhältnisse müssen jedenfalls gestimmt haben, d. h. sie besaß genau die Mitgift, die er glaubte beanspruchen zu dürfen, und sie wird soviel brauchen können, wie ihre Eltern zu ihrem Glück für unbedingt notwendig erachten. Dann kommt der zweite Fall, das Mädchen geht in die Zwanzig und man sucht eine Partie für sie. Das meiste von diesem Schacher, der sich nun entwickelt, bleibt ihr verborgen. Man beginnt in Bekanntenkreisen 17