Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 260 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Inzwischen war Frau Fraenkel herangekommen, sie sprach in ihrer eigenen Unbekümmertheit ganz familiär, als ob es sich um ihr eigenes Kind handeln würde; sie hatte Edith und Alfred heranwachsen gesehen und das Entstehen der Neigung miterlebt, nun wollte sie helfen die Wirrnis zu lösen. „Liebste Mama", jammerte Edith, „immer habt Ihr alles, was häßlich war an unseren Bekannten jüdisch genannt — habt Euch über die alten Gebräuche lustig gemacht". „Aber Edith, wir? O nein"! „Ja und Du weißt, wie ich an der Kirche hänge, jedes Fest ist mir ans Herz gewachsen, wie freue ich mich, wenn Weihnachten herannaht". „Aber Edith", tröstete die Fraenkel, „Du kannst als Jüdin alle christlichen Feste feiern; in den besseren Judenhäusern hat man sogar die schönsten Christbäume. Dann gibts im Jüdischen auch schöne poetische Feste". Da stimmte Mama Feilchenblau rasch zu: „Ja sehr schöne altehrwürdige Feste, z. B. das mit den ungesäuerten Broden. Dann der Lange Tag im Musikvereinssaal, wo die Herren den Damen die schönen Blumen kaufen. Wie heißt doch das merkwürdige Lied, das am Vorabend gesungen wird — Mash Bruch hat's dann komponiert, für Cello glaub ich"? „Ach bitte, Frau Fraenkel, wie heißt diese Melodie"? „Ja, ich weiß es nicht", wehrte diese ab, „Sie waren doch viel länger Juden als wir". Edith war durch dieses Lied, dessen Namen niemand kannte, .durchaus nicht überzeugt, im Gegenteil, sie schluchzte laut auf. Es schien sich hier zum Entsetzen aller, im fremden Hause eine Szene vorzubereiten. Da kam Edith's Freundin vor und bat, sie mit dem weinenden Mädchen allein zu lassen. Gertrud war ein etwas hageres Fräulein von eleganter Gestalt. — Im Aussehen noch immer mädchenhaft, nur die klugen, grauen Augen in ihrem auffallend kleinen Gesicht blickten etwas müde drein, Kleidung und Frisur waren von absichtlicher^Einfachheit. Ihr ganzes