Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1908-01-01 · 11 (1908) · p. 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
11 (1908)
Article
Die gute Partie
Date
1908-01-01
Page
259 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111088-3114455--3080-3114727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

259 enbete — „eher bleibe ich immer und ewig ledig". Zu diesem Schmerzensausbruch kam ihre Mama, die Frau Feilchenblau, gerade zurecht. Nun haben es die Mütter im allgemeinen nicht sehr gerne, wenn ihre Töchter vom Ledigbleiben reden — man läßt nicht gerne den Teufel an die Wand malen, besonders peinlich muß dieser Ausspruch eine Mama berühren, wenn ein junger Mann zugegen ist, der zu den glänzendsten Partien Wiens zählt. Dieser Augenblick war für Frau Feilchenblau entscheidend, ihr besorgtes Mutterherz trug den Sieg davon über alle religiösen Bedenken: sie opferte dem Glücke ihres Kindes die eigene Ueberzeugung. Alfred Conty, denn das war unser junger Mann, beugte sich tief hinab zu dem kleinen Fräulein. „Edith, fei nicht eigensinnig, verlange nichts Unmögliches. Ich würde meine Eltern tief kränken und schwer verletzen". — „Und ich die meinen", stieß Edith zwischen ihren kleinen Zähnen hervor. Auf dieses Stichwort hin machte die Mama sich durch ein leises Hüsteln bemerkbar. Kaum sah Edith ihre Mutter, da stürzte sie ihr weinend in die Arme. „Denk Dir, Alfred will — nein, ich kann es gar nicht sagen". Die Mama half ihr weiter. „Er will, daß Du feinen Glauben annimmst". „Das wirst Du doch nie zugeben, Mama"? Die Mama faßte sich bald. „Je nun, das heißt eigentlich soll die Frau dem Mann in all und jedem folgen. Denn Du weißt doch, es ist zwar schon sehr lange her — aber einmal waren wir alle selbst Israeliten, ja". „Aber Mama, wir sind doch so gläubige Christen". „Hm, ja gerade deswegen. Du weißt doch, wie unser Herr Superintendent immer gesagt hat, die helvetische Konfession ist nichts anderes als ein fortgeschrittenes Judentum. Da kann man doch auch umgekehrt sagen, das Judentum ist nichts anderes als ein konservatives Christentum"?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.