Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 253 (sequence 3)
- Language
- German
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258 Frau Dr. Cornitzer versuchte nun eine kleine Revanche. „Ach bitte, Frau v. Fraenkel, suchen Sie noch immer Ihre Sommerwohnung mit einem großen Kreuz auf der Brust?" Die Fraenkel wurde nicht verlegen. „O nein", entgegnete sie parodistisch, „das Hab' ich nicht mehr notwendig, jetzt kennt man uns schon in den gesamten Alpenländern als christliche Familie". Boshaft stüsterte die Cornitzer ihrer Nachbarin zu: „Dabei sieht sie immer jüdischer aus, je älter sie wird." Frau Direktor Feilchenblau liebte es nicht, wenn man über Religionsfragen witzelte; darum fügte sie rasch hinzu: „Man mag sagen was man will, aber das Christentum hat tiefe ethische Werte — und auch gesellschaftliche Vorteile. Mein Ottokar verkehrt nur in vornehmen christlichen Kreisen, mit den Schrattenthals, den Grunners, v. Norweg." „O ja", — warf die Fraenkel scheinbar sehr ernst ein — „und meine Buben sind schon die reinen Antisemiten". „Sie können doch nie ernst sein," schmollte Frau Bachsteg, eine stattliche Dame, die für ihr Alter -überaus sesch gekleidet war. „Ernst, ernst", lachte die kleine Dame, „haben Sie vielleicht wieder ein neues Kleid zum anschauen, heraus damit, Wien oder Paris?" Nun wurde die Bachsteg böse, denn sie war in der Tat einmal eine rechte Kleidernärrin gewesen und nichts schmerzt die Menschen mehr, als wenn man sie mit chren wirklichen Schwächen neckt. Frau Stastny, die bedächtigste der Damen, brachte das Gespräch wieder aus dem verfahrenen G-eleise in gebahnte Wege. „Sie wissen ja, meine Damen, wovon die Rede ist". Die Damen steckten die Köpfe so dicht zusammen, als sollte kein Wort aus dem intimen Kreise heraüsdringen. „Sie verzeihen, wenn ich vielleicht etwas undelikat scheine, aber wir wissen es doch alle. Der Herr Alfted, der Sohn unserer lieben Frau Generaldirektor, liebt die Edith Feilchenblau". „Aber Frau v. Stastny", wehrte Frau Conty ab. „Nun ja", hetzte