Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Die gute Partie
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 252 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114455--3073-3114720- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
262 „Mein Gott, was ist denn dabei? Jeder junge Mann ist heutzutage froh, wenn er eine passende Gelegenheit findet; die Liebe entschuldigt alles." Die anderen Damen — die in alles eingeweiht schienen, nickten lebhaft mit den Köpfen, und benützten die nun folgende Pause, um einen Schluck Tee zu nehmen. Frau Dr. Cornitzer, eine sehr würdige Dame mit Augengläsern in einem äußerst nachdenklichem Gesichte, benützte diese günstige Gelegenheit, um ihr bekanntes Sprüchlein herzusagen. Sie erklärte immer wieder, daß alle Uebel sozialer Natur von den positiven Religionen stammen, weshalb sie jederzeit die Konfessionslosigkeit predigte. Kaum hatte sie jedoch ihr Sprüchlein beendet, da warf ihre Nachbarin, die kleine Frau Fraenkel, ein: „Ja, und billig ist die Konfessionslosigkeit, sehr billig." Man erzählte sich nämlich, daß Dr. Cornitzer, ein vielbeschäftigter Arzt, nur deshalb aus dem Judentum ausgetreten sei, weil ihm die sogenannte Kultussteuer erhöht wurde. Nun war die kleine Fraenkel das enfant terrible der Gesellschaft, der man vieles nachsah — hauptsächlich weil ihr Mann einer der reichsten Grundbesitzer der Stadt war; aber diese Reminiszenz hatte doch sehr verstimmt. Die Hausftau unterbrach mit ihrer milden Stimme die peinliche Sülle, indem sie das stets interessante Thema der Sommerwohnung anschnitt. Aber auch damit kam sie nicht weit. Kaum hatte sie gefragt, wo die Damen den künftigen Sommer zu verbringen gedenken, da war ihr Frau Fraenkel mit folgenden Worten in die Parade gefahren: „Ich bitt', vor Sylvester darf man nur von der verflossenen Sommerwohnung sprechen — nach Neujahr erst kommt die künftige an die Reih'. Na ja, es geht einem ja sonst die ganze Einteilung verloren." Nun war die Verstimmung überwunden, die Damen lachten über die kleine zappelige Frau, die mit fünfzig genau so lebhaft und unbedacht daherredete, wie einst vor 25 Jahren — und verziehen ihr die Unart.