Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Eine glückliche Ehe
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 240 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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half, dieser Abendgarten, der Armen, Müden, lichtlos Erblühten ein bischen Sonne schenken wollte. Die Kastanien zeigten schon ein paar gelbe Finger an ihren breiten Blatthänden. Die Kähne waren mit Obst beladen. Der Wind blies leicht, so daß das Wasser des Kanals sich kräuselte, und zitternde Sonnenreslexe hin und her glitten. — Unter den Kastanienbäumen ging Frau Dr. Stern langsam am Ufer entlang. Sie nahm mit allen Sinnen die Stimmung des schönen Spätsommertages in sich auf. . . . Nun, da die Bäume Früchte tragen. Der Sommer letzte Gnaden schenkt. Und uns mit seinen goldenen Tagen . . . „Ach was." — Sie machte eine Handbewegung, als ob sie etwas von sich schieben wolle. Immer wieder tauchten diese lyrischen Klänge, manchmal auch nur als wortlose Rhythmen ihr empor, wie kleine Wellen sich erheben, um kraftlos zurückzusinken und im großen Meer zu verschäumen. Das war Tändelei, halbe Künstlerschaft, verdrängte die klaren Gedanken und lenkte von den Dingen des Tages ab. Sie konnte sie auf ihrem ernsten Lebensweg nicht gebrauchen. Aber wie sie sich auch wehrte, sie tauchten immer wieder empor: wenn sie durch eine schöne Landschaft ging oder gute Musik hörte, ja, selbst im Tempel zuweilen, wenn alles in Andacht versunken war. Und sie trugen sie aus den Gleisen des Alltags fort in unbetretene Länder, wo alles Klang war und Harmonie, Duft und Stille. — Ein zaghaftes „Nu, kenn' Se mer nich mehr, Frau Dukter?" ließ sie aus ihrer Träumerei auffahren. Röschen Herz saß, in ein dickes Wolltuch gewickelt, einen Wärmkrug zwischen den Fingern, auf ihrer Bank. Sie saß ganz in sich zusammengesunken, grau und trostlos da, und wirkte wie ein trüber Fleck aus einem schönen, leuchtenden Bilde. „Ich war so in Gedanken, ich Hab Euch wirklich nicht gesehen. Ein herrlicher Tag heute," entschuldigte sich Frau Dr. Stern.