Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Eine glückliche Ehe
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 235 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3111067-3111088-3114454--3055-3114703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
285 „Draußen ist 'ne Frau, die gestern auch schon hier war un gleich ins Zimmer wollte ..." „Die Frau, die gestern auch hier war und die morgen höchstwahrscheinlich noch mal kommt und übermorgen gleichfalls, heißt Frau Blaustein und ist immer gleich vorzulassen, verstehen Sie, Anna? —" Anna verschwand und Frau Blaustem erschien. Frau Blaustem betrieb einen kleinen Oelhandel, während Herr Blaustein das Amt eines Gemeindedieners versah, ausgenommen an Sonnabenden und Feiertagen, sowie an den Tagen, an denen er das Oel, das seine Frau verkauft hatte, in Branntwein umsetzte, und diese häuften sich mehr und mehr. Aber Frau Blaustein beklagte sich nicht über ihn; denn Herr Blaustein hatte einmal in seiner klaren Zeit ein Gedicht auf sie gemacht, das anfing: „Mit den Augen einer Lilie schaust Du mich so lieblich an." Und diese lieblichen, wenn auch unwahrscheinlichen Lilienaugen trösteten sie über manche Fährlichkeit ihres Lebens hinweg, denn Frau Blaustein war eine Jdealistin. — „Guten Tag, Frau Doktor." „ . . . und wenn Du dein Maul noch einmal aufmachst, hau ich Dir eins in die Fresse." — „Einen Moment, . . . ich kann auch „Schnauze" sagen . . ." „Guten Morgen, Frau Blaustem, setzen Sie sich." „Dank schön, Frau Dokter, ich sitz schon." „Darauf gab er ihm . . . nein, darauf fchlug er ihm mit der Faust in's Gesicht, daß ihm sogleich das Blut aus der Nase sprang." — Also Frau Blaustein was gibts denn wieder?" — — Frau Doktor Stern löschte das Geschriebene ab und wandte sichderGemeindedienersfrauzu. „Gott, Frau Dokter, sind Sie noch immer nicht fertig mit Ihrer schrecklichen Geschichte? 's kann einem ja angst und bang werden, wenn man's so anhört." „Ja was denken Sie denn? Wenn Sie zu jeder Stunde mit Ihren Gemeindesachen dazwischen kommen . ." „Gott, Frau Dokter tun Se nich so hartherzig, es glaubt Ihnen ja doch kein Mensch."