Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Eine glückliche Ehe
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 234 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Schönheitssinn, ihr künstlerisches Empfinden und die Scheu vor den Häßlichkeiten des Lebens als Luxusgefühle zurückgedrängt und sich und den Kindern eine Existenz geschaffen. Der etwas derbe Ton, die ein wenig burschikosen Manieren, mit denen sie ein allzu zartes Empfinden übertönen wollte, waren bald nicht mehr Maske. Grade sie erschlossen ihr oft den Zugang zu den verborgensten Leiden ihrer Mitmenschen. Denn, wie sie sich selbst ein Schicksal geformt, so suchte sie auch anderen zu nützen, die dem Leben hilflos gegenüberstanden. Die Gemeinde hätte keine bessere Armenpflegerin finden können als Frau Alice Stern. Was sie an Geld nicht geben konnte, ersetzte sie durch Güte und Intelligenz in reichstem Maße. Herr Gans, ihr Partner in der Armenpflege, sagte oft: „Ein Korb Kartoffeln und ein Lächeln von der Frau Doktor trägt mehr Zinsen als 100 Mark von der Gemeinde." — Also Frau Alice Stern saß am Schreibtisch und übersetzte ihren Roman, der, wie fast alle die ihr zum übersetzen aufgetragenen Romane, in einer Londoner Verbrecherkneipe spielte. Sie hatte eben voller Genugtuung die Vokabel Luder aus dem Lexikon vorgeholt, als Anna, das Hausmädchen hereinkam. „Frau Doktor. ..." „Zehn Messer Dir ins Herz. . . ." „Frau Doktor, die Frau ..." „Luder! ..." — Sie hielt den Finger auf die Vokabel im Lexikon. Anna, die neu eingetreten war und noch keinen Uebersetzungstag erlebt hatte, fing an zu zittern. Sie wagte ein leises: „Soll ich vielleicht zum Doktor . . ." „Ach so." Frau Dr. Stern fing an zu lachen: „Ich bin nicht verrückt geworden, Anna, Sie können sich beruhigen. Sehen Sie, ich übersetze hier eine englische Geschichte, in der die Leute so mit einander sprechen." Anna atmete auf. „Na, dann ist es man gut, ich dachte schon . . ." „Was wollen Sie denn?"