Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Eine glückliche Ehe
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 233 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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233 „E Groschen is 'n Groschen, un wenn mer ihn kriegt spart mer ’n," grollte Röschen. „'S Roßbüff werd kalt/' mahnte Muel. — „An wen hast 'n gebracht, den Brief?" — Muel zog die Kappe ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und spuckte vor sich -hin. „De Kartoffeln wer'n steif. Rösche." „Wohin hast 'n gebracht, den Brief?" „Du brauchst mer nit immer so auszufragen, ich bin kein klein Kind mehr." „Nu, wenn das nit kind'sch is, daß De mer kein Antwort giebst." . . . „Also, ich Hab 'n hingetraaen zu 'n ... zu 'n Herrn Gans, Hab ich 'n hingetragen." „Zu 'n Herrn Gans, den Vorsteher?" „Da, bringt den Brief hin," hat de Frau Dukter gesagt, er is zu euer eignen Besten." „Zu wem sein Besten, zu Dein oder zu unser?" „Nu 's wird schon für uns beide sein." — Röschen erhob sich kopfschüttelnd und ging, fest auf den Schirm gestützt, nach dem kleinen, engbrüstigen Häuschen hinüber, das wie vergessen zwischen den massiven Häusern des Kanalufers stand. Muel folgte mit dem Korb, langsam und behutsam als ob er die Suppe vor dem Umschütten bewahren müsse, die doch längst schon verschüttet war. Frau Dr. Stern saß am Schreibtisch und übertrug einen englischen Roman ins Deutsche. Diese Uebersetzungen lagen ihr nicht sehr am Herzen; sie waren ihr nur eine Brodquelle, ein „Bäckerladen" wie sie, die sehr künstlerisch veranlagt war, sie scherzhaft nannte. Sie war eine jener feinen, tiefen Naturen, die der naiveren Ungebung so einfach Vorkommen, so durchsichtig, weil sie sich natürlich geben, well oft ein glücklicher Humor die wunden Stellen, die bittern Kümmernisse ihrer Seele verschleiert. Ihr Mann, ein begabter Mediziner, war früh gestorben und hatte sie mit drei Kindern ohne große Geldmittel zurückgelaffen. Da hatte die zarte Frau ihren