Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 225 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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225 geholt und totkrank in sein Heimatsstädtchen zurückgebracht. Er sieht seiner Auflösung entgegen. Nur er hat keine Ahnung von seinem Zustand. Mit Zustimmung seiner Pflegemutter, die ihm diese letzte Freude nicht versagen will, reist er nach Czernowitz, sieht und spricht dort Bogumil Dawison und wird von einem treuen Begleiter auf sein Leidenslager zurückgebracht, wo er nach kurzer Zeit verscheidet. Dieser Roman ist in jeder Beziehung ein reifes und vollendetes Werk. Er gibt eine plastische Schilderung der Lokalitäten, eine durchaus realistische der Menschen, eine geradezu wunderbare Darstellung der Landschaft, z. B. die eines Schneesturmes und des Eisganges des angeschwollenen Flusses. Es ist das Werk eines reifen Erzählers der älteren Schule und doch finden sich darin einzelne Konzessionen an die Moderne, indem z. B. die Lehre von der Vererbung eine starke Rolle spielt: der Held verfällt seinem Unheil, dem zum tragischen Ende führenden Wandertriebe, weil er als Sohn seines Vaters dessen Eigenschaften geerbt hat. Es ist ein Werk der Phantasie und doch sind namentlich für die Jugendgeschichte des Helden manche Ereignisse aus der Kindheit des Autors benutzt. Es ist die Arbeit eines Juden, der sich nicht scheut, seine Glaubensgenossen zu schildern, wie sie sind oder wenigstens, wie er sie ansieht. Denn gerade das ist ein Zeichen großer Kunst, daß der Verfasser diesen jüdischen Helden durchaus Jude sein und bleiben läßt, der nicht im allgemeinen nach Bildung strebt, sondern nur nach einer solchen, die ihm ermöglicht, seinen Beruf zu ergreifen und der das spezifisch Jüdische auch darin zeigt, daß er nicht das Schauspiel im allgemeinen, sondern besonders die Stücke ersehnt, in denen Juden dargestellt sind: Kaufmann von Venedig, Nathan den Weisen, Mosenthals Deborah. Es ist ferner ein Werk voll köstlichen Humors. Es ist endlich die letzte Botschaft eines Optimisten, der trotz aller Enttäuschungen an den Sieg des Ideals glaubt, das er im Herzerr trägt, an den Triumph der Aufklärung, an den endlichen Einzug „des Königs der Ehren" in die Mauer des Ghetto.