Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 217 (sequence 42)
- Language
- German
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217 reichischer Staatsangehöriger. Aus diesem Grunde war es ihm nicht möglich, in Stadt und Gemeinde ein öffentliches Amt anzunehmen, wie ihm oft nahe gelegt wurde; aber in Vereinen entfaltete er eine segensreiche Tätigkeit. Er stellte seine rednerische Kraft gern Wohltätigkeitsveranstaltungen zur Verfügung, hielt auch in vielen jüdischen und nicht-jüdischen Vereinen Vorträge; einmal absolvierte er einen wohlbesuchten und mit großem Beifall aufgenommenen Zyklus „Ueber osteuropäische Literatur" im Vikloria-Lyceum. Eine besondere Tätigkeit entwickelte er in dem Deutschen Zentral-Komitee für die russischen Juden, das sich im Frühling 1891 bildete, und dem er als Schriftführer vom Anbeginn bis zur Einstellung von dessen Tätigkeit angehörte. Ueber diese seine große und erfolgreiche Arbeit gibt der stenographische Bericht über die Delegiertenversammlung, Berlin 20. und 21. Oktober 1901, ausführliche Kunde. Er legte selbst dieser Versammlung den Entwurf zu einem von ihm verfaßten Aufrufe vor, der zur Charakterisierung feiner Anschauungen hier folgen mag: „Schwere Drangsale sind über die Juden in Rußland hereingebrochen. Veraltete Gesetze, selten vorher gehandhabt, werden jetzt mit äußerster Strenge durchgeführt und jeder Tag bringt neuen, noch härteren Druck. Schon find Tausende aus Heimat und Erwerb vertrieben; glücklich, wer die Reste seiner Habe rettet; die meisten verlassen als hilflose Flüchtlinge die Städte, wo sie als fleißige Bürger, den Ihren zum Segen, und Niemand zu Leide, ihr Brot erworben. Daß man sie nicht über die Grenze verweist, was frommt es ihnen?! In den überfüllten Bezirken, wo sie vielleicht geduldet würden, erwartet sie nur der Hunger. Sie müssen airswandern und mit ihnen alle, die sich durch geistiges Streben ein menschenwürdiges Los zu erringen gehofft. Denn gleichzeitig sind den russischen Juden alle gelehrten Berufe verschlossen worden. „Die ganze gesittete Menschheit ist einig irr ihrem Mitgefühl für dies große und unverschuldete Elend. Dieses Mitgefühl hat uns, deren Vaterland die Flüchtlinge zuerst betreten, die Mittel zugeführt, durch die wir