Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 11 (1908)
- Article
- Karl Emil Franzos
- Date
- 1908-01-01
- Page
- 216 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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216 der andern Seite die satten Reichen, die behäbigen Nichtstuer, die keinen Funken von dem Heldentum des Armen haben und sich doch unendlich besser dünken als er; bei der Schilderung des einen die schlichteste, innigste Gemütssprache, bei der Vorführung der anderen die schneidendste Ironie. Man hat dem Buche gelegentlich zum Vorwurfe gemacht, daß es zwanzig Jahre überspringe, aber dieser Vorwurf ist gänzlich ungerechtfertigt; denn es ist und soll sein eine Barnower Geschichte. Was der alte Soldat in seinem Regiment erlebt, ist für ihn nur eine Episode, die recht wohl in eine Nebenerzählung, in eine Beichte (wenn man dies Wort von den Bekenntnissen brauchen darf, die ein jüdischer Invalide einem jüdischen Arzt ablegt), niedergelegt werden konnte. Hier war nur zu schildern: Jugendleben und Liebe, Entsagen und Sterben. Man möchte geradezu behaupten, daß. sich in dieser Beschränkung der Meister zeigt. Es ist ein Zeichen hoher Kunst, daß sich hier mit Ueberspringung einer langen Zeit das Ende an den Anfang fügt. Nach meinem Urteile ist Moschko von Parma fast das Beste, was Franzos geschrieben; es gehört zu dem Schönsten und Bedeutendsten, was dieser Zweig der Literatur aufzuweisen hat. — Am 3. November 1887 fand die Uebersiedlung des Paares nach Berlin statt. Der Verkehr dort war ein ungeheuerer, sodaß das Ehepaar in einem der ersten Berliner Winter hundert Gesellschaften besuchte. Außer zahlreichen Häusern der besseren jüdischen Gesellschaft gehörten ihrem Kreise Schriftsteller, Gelehrte und Künstler in großer Menge an. Sehr viele interessante Menschen, mit denen sie nicht direkt verkehrten, lernten sie gelegentlich kennen. Franzos bereute nie, trotz der innigen Beziehungen seiner Frau zu Wien, die aufs treueste festgehalten wurden, die Uebersiedlung vorgenommen zuhaben. Die Gründe des Wechsels des Aufenthalts wurden schon früher angedeutet. Franzos zerriß nie die Bande, die ihn an Oesterreich fesselten, blieb auch bis an sein Ende öfter-